20 Okt 2018

Quartalsauflagen - weiter abwärts!

Submitted by ebertus

Die Auflagenzahlen der Printmedien für das dritte Quartal 2018 liegen vor; und bestätigen den Abwärtstrend. Sitzen die Verlage/Verleger immer noch auf den in besseren Zeiten angehäuften Geldbergen; oder ist schnöde Betriebswirtschaft in dieser Branche außer Kraft gesetzt?


"Too big to fail", zu groß um sie einfach sterben zu lassen, das galt bislang in erster Linie für die Banken und ihre Besitzer bzw. Aktionäre. Es wird, meiner Meinung nach, über kurz oder lang auch für die Medienbranche, die gesellschaftspolitisch orientierten Zeitungen und Zeitschriften gelten (müssen). Weniger wegen der im Vergleich zur Bankenszenerie monetären Größenordnungen, eher wegen dem nach wie vor notwendigen Propagandamodell (Noam Chomsky). Die zwangsfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen können das systemisch Notwendige auf die Dauer allein wohl nicht leisten.

Am Beispiel des Stern, dessen harte Auflage aus Abo und Einzelverkauf im dritten Quartal um kaum glaubliche 12,7 Prozent sinkt, sei auch mein persönlicher Eindruck geschildert. In früheren Jahren, im letzten Jahrtausend, habe ich das Teil immer mal gekauft. Nicht so regelmäßig wie den Spiegel, aber immerhin .... Ein dickes Heft und die umfangreiche Werbung konnte man ja leicht überblättern, gab es da auch noch einen großen redaktionellen Teil.

Heute kommt mir der Stern ab und zu in den Schwitzpausen zwischen den Saunagängen unter. Die haben da einen Lesezirkel mit allen möglichen bunten Blättern; und eben auch den Stern dabei. Ein dünnes Heftchen mit nach wie vor extrem viel, oft ganzseitiger Werbung und vielen, vielen bunten Bildern, mit denen der verbliebene (eher geringe) redaktionelle Teil hinterlegt ist. Vielleicht ist es Absicht, aber man (ich beispielsweise) kann kaum noch unterscheiden, welche Bilder nun zu einer Anzeige, oder zu einem redaktionellen Text gehören. Eine einzige bunte, oft grelle Soße, die nach wenigen Seiten, nach kurzen Um- und Überblättern glücklicherweise auch schon wieder vorbei ist.

Was für den Stern gilt, das trifft (für mich) mehr noch auf den Spiegel zu; den ich bis Mitte der 90er regelmäßig gelesen habe. Die Verluste sind dort noch nicht zweistellig, aber nach 7,5 Prozent im zweiten Quartal 2018 geht es nun im dritten Quartal um fast ebenso kräftige 6,5 Prozent abwärts. Gerade hat dort mal wieder der Chefredakteur gewechselt und mit dem ebenfalls neuen, von der Sueddeutschen (SZ) gekommenen Digitalchef soll nun auch der bislang fragmentierte Paywall vereinheitlicht werden - und richtig Geld bringen.

Pfeifen im dunklen Wald, aber offensichtlich auf einem noch vorhandenen hohem Kapitalniveau.

Btw. die Sueddeutsche und bislang noch nicht so extrem wie der Stern oder der Spiegel von Verlusten gebeutelt. Im dritten Quartal 2018 scheint das nun nicht mehr zu gelten, geht es auch bei der SZ um 5,1 Prozent abwärts. Auf der nach unten offenen Skala wird die SZ lediglich noch vom Neuen Deutschland (ND) mit einem Minus von 5,9 Prozent und den einmal mehr rund zweistellig verlierenden Medien des Springerverlages übertroffen.

Aber gerade dieser letztgenannte Verlag scheint perspektivisch den Medienwandel besser zu meistern als Spiegel, Stern & Co. Die kleineren und die Regionalzeitungen sind längst verkauft und die im Verlag verbliebenen Varianten von Bild und Welt laufen bei den (wie Insider berichten) sonstigen, eher gewinnbringenden Geschäften des Verlages aus Prestige- und Namensgründen erst mal weiter mit.

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Nach wie vor gibt es von den Verlagen keine Detailangaben zu diesen doch (gerüchtweise) immer stärker steigenden Digitalabos bzw.E-Papers. Mann hört lediglich und ohne nachvollziehbare Zahlen von immer neuen Experimenten, die nun endlich, endlich ganz einfach sein sollen und jetzt den Durchbruch bringen werden. Ich kenne niemanden mehr, der noch ein Papierabo unterhält, aber ich kenne auch niemanden, der für ein gesellschaftspolitisch orientiertes Medium ein reines Digitalabo unterhält. In der Regel und bis zum Beweis des Gegenteils darf man wohl weiterhin davon ausgehen, dass es sich bei den doch so stark wachsenden E-Papers um private Konsumenten handelt, welche nach wie vor ein Papierabo unterhalten und für einen geringen Aufpreis (wenn überhaupt) nun auch digital darauf Zugriff haben.

Zum Tagesspiegel in Berlin liest sich das -Link zu den Regionalzeitungen weiter unten- dann so:

"Das Blatt aus Berlin gewann erneut verkaufte Auflage hinzu. Wobei das Wort “Auflage” nicht so recht passt, denn das 0,4%-Plus des Tagesspiegels kommt ausschließlich durch stark steigende ePaper-Abos zustande. Die reine Papier-Auflage wäre auch hier im Minus."

Offensichtlich verfügt man intern über Informationen, welche so nicht veröffentlicht werden können bzw. dürfen. Für mich als lokal in Berlin ansässigen Beobachter der Szenerie stellen sich dazu mindestens drei Fragen.

1. Wie hoch ist die verbliebene Papierauflage des Tagesspiegel denn nun konkret?

2. Wie hoch ist die Auflage der stark steigenden ePaper  in absoluten Zahlen?

3. Wieviele von diesen ePaper-Abos (Kunden) unterhalten gleichzeitig ein Papierabo?

 

Bei institutionellen Kunden, bei Firmen und Organisationen, gar beim Handelsblatt (immer gern als positives Beispiel genannt), da mag es sich etwas anders verhalten. Hier ist das Abo Bestandteil der betriebswirtschaftlichen Kalkulation, sind bestimmte Informationsquellen im Grunde ein Pflichtprogramm. Früher hatten wir in der Firma einen Umlaufverteiler, über denen die abonnierten Fachzeitschriften durch die Abteilungen wanderten. Heute und in einem digitalen Format vorliegend, kann das direkt und zeitnah im internen Netz der jeweiligen Firma bzw. Organisation zur Verfügung gestellt werden. Wie dieser Zugriff bei den IVW-Zahlen berücksichtigt wird, wenn beispielsweise hundert oder tausend Mitarbeiter Zugriff auf das E-Paper haben, das scheint mir klärungsbedürftig. Ebenso interessant zu wissen: ob und in welcher Form bei derartigen Kunden dann Rabatte eingeräumt werden.

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Ein letzter Punkt! Aus alter Tradition (mal ein betriebliches Abo für das c't-Magazin habend) schaue ich immer mal in die im Netz verfügbaren Publikationen des Heise-Verlages. Insbesondere Telepolis als gesellschaftspolitisch relevantes, systemisch noch nicht vollkommen eingemeindetes Netzmedium hat (für mich) nach wie vor einen hohen Stellenwert. Das Lesen bei Telepolis ist kostenlos und auch die Werbung hält sich in sehr engem Rahmen, ist primär auch das eigene Umfeld reduziert.

Über finanzielle Verweigerung ist Telepolis daher nicht zu beeindrucken!

Dennoch ..., wer in den letzten Monaten die antideutschen Festspiele eines Tomasz Konics, etwas abgeschwächt die eines Peter Nowak nebst zwei drei anderer ähnlich unterwegs seiender Autoren verfolgt hat,  der macht sich dort in den Kommentaren und nicht selten schon mal Luft; droht gar mit Kündigung. Nicht bei Telepolis, sondern bei der Cash Cow des Heise-Verlages, beim c't-Magazin. Dass dies keine leere Drohung ist, das deutete sich bereits über die Quartale an und erreicht mit minus 5,6 Prozent nun aktuell einen vorläufigen Höchststand.

Quo vadis Telepolis?

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Ansonsten kurz und bündig hier noch die Links zu den Detaildaten, aufbereitet von MEEDIA:

Überregionale Tages- und Wochenzeitungen

Zeitschriften und Magazine

Regionale Tageszeitungen

Kommentare

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"Hinter t-online.de steckt ja nicht die Telekom sondern die ströer digital publishing gmbh.
Früher haben die auf Außenwerbung – also Plakate – gemacht.
Aber eine Werbeagentur ist das immer noch. Daher stellt sich die Frage, wer der Auftraggeber der Kampagne ist.
Das werden sie natürlich nicht preisgeben."
Aber wie der Laden tickt, kann man hier sehen:
https://stroeerfeuer.org/

dieser kurze beitrag hat mir mal wieder GANZ DOLL klargemacht, wie weit werbeagenturen als "journalisten" getarnt unterwegs sind ... man glaubt es nicht, obwohl es ja intutiv beim lesen auf der hand liegt ... doch unsere gutgläubige naivität ist wohl immer noch (an den völlig falschen stellen) tief in "uns" verankert (worden).

jedenfalls ist da der stern mit seiner alten tradition dem mißerfolg geweiht und es wurden und werden neue formen in anknüpfung an "weißer geht es nicht" vom übungsplatz der waschmittelwerbung in den politisch-ideologischen bereich der wirtschaftsinteressen eingeschleußt, denn kriegspropaganda pur oder jubel für sozialabbau kann ja nur über raffinierte umwege erfolgen ... und wer früher blütenweiße wäsche wollte, der will heute eine politisch-korrekte herrschaftsmoral ohne schmuddel-kinder ...

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MZ mit - 5,7 % zum Vorjahr ist einmal dem globalen Trend geschuldet, aber auch den Qualitätsmängeln. Ich war ja nur noch gelegentlicher MZ-Käufer im Supermarkt oder am Automaten, aber seit die Einzelausgabe 1,50 € kostet, leiste ich mir lieber ein paar Brötchen mehr als betreutes Denken und linksgrünen Meinungsjournalismus aus Köln. Die Lokalberichterstattung ist immer noch recht gut, was aber auch der Konkurrenz von zwei privaten Stadt-Nachrichtenportalen geschuldet ist.

Dass die Polizei bei der aktuellen Automatensprengung mit Zufallsopfer einen Grünen-Landtagsabgeordneten zum Tatort gekarrt hat und der dort mglw. Einfluss auf Polizeihandeln genommen hat, berichtet nur ein ganz Mutiger:

https://dubisthalle.de/landtagsabgeordneter-macht-praktikum-bei-der-polizei-in-halle

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Antwort auf hadie  zum Kommentar Trends
 

geht es mir mit dem auch oben im Blog erwähnten Berliner Tagesspiegel.

Lese den Holtzbrinck/ZEIT-Ableger nur noch wegen dem Lokalteil; online und ohne Abo, versteht sich ...

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Einfach die Küchentür zumachen. Erspart den Blick auf den Abwasch ...

Keine Heftauflagen mehr, titelt das Medienportal Horizont. Und damit sind nicht -noch nicht- die hier immer wieder gern zitierten Quartalsauflagen gemeint. Vorerst diejenigen, welche das Elend noch weiter analysieren; im Detail, pro Heft.

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Antwort auf ebertus  zum Kommentar Ha, ha, ha - again!
 

"Ein Rückzug der Verlage aus dieser unabhängigen Auflagenprüfung führt zu Intransparenz und ist für die werbenden Unternehmen nicht hinnehmbar", sagt Joachim Schütz, Geschäftsführer der Organisation Werbungtreibende im Markenverband (OWM).

Das ist das eigentliche Dilemma der Werbeindustrie, sie verlieren den «Nachweis» ihres sogenannten Erfolges, der eigentlich nur in Verkaufszahlen von beworbenen Produkten gemessen werden kann.

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Antwort auf Heinz  zum Kommentar Der Ballon der Werbeindustrie platzt
 

zumindest bei rein betriebswirtschaftlicher Betrachtung.

Ist ja so ähnlich, wie das Hütchenspiel mit den sog. ePapers, von denen keiner weiss, keiner wissen will, in wieweit sie eigentlich nur doppelt gezählt werden. Klar, die Werbewirtschaft interessiert das schon, ob die Verlage den geschätzten Kunden, den Werbenden eine große, eine potentiell kauffreudige Leserschaft lediglich vorgauckeln.

Scheint jetzt aber und eben jenseits reiner Betriebswirtschaft für die genannten "Dickschiffe", für die gern beschworenen Qualitätsmedien auch ein politisches Problem zu werden; das Propagandamodell lässt grüßen..

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Antwort auf ebertus  zum Kommentar Genau darum geht es
 

  • Privatmedien verbreiten Werbung, der Rest ist Füllsel.
  • Staatsmedien verbreiten Politik-, Parteiwerbung, der Rest ist Füllsel.

Mit den sogenannten Sozialmedien haben die Parteien direkten Zugriff auf die Handys beim «Volk draußen im Lande.» da brauchen sie die Dickschiffe nicht mehr.

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Antwort auf ebertus  zum Kommentar Ha, ha, ha - again!
 

Genau diese Informationen  wollte man zukünftig unterbinden.

Nicht zuletzt bezeichnend, zum Schmunzeln; auch die Kommentare unter dem MEEDIA-Text.

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Antwort auf ebertus  zum Kommentar Keine Heftauflagen mehr
 

»stern.de-Chefin Anna-Beeke Gretemeier:
“Grabenkämpfe zwischen Print und Online gehören der Vergangenheit an”

Knapp über ein Jahr ist Anna Beeke Gretemeier die Frau an der Spitze des digitalen stern. Im Interview… «

Der Trend zu weniger Print und mehr Online hält an. Da iat die Print-Auflage allein wenig aussagekräftig.

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Antwort auf Heinz  zum Kommentar Fehlt Online
 

und am Kiosk gibt's kein "Online".

Mit genau diesen, mit nachvollziehbaren und vergleichbaren Onlinezahlen halten sich die Verlage ja bewußt zurück. Wenn ich den verbliebenen Printabonnenten (die ja keine Kioskkäufer sind) für einen geringen Aufpreis ein digitales Abo mitverkaufe -und das dann doppelt zähle- so kann ich mich nominal noch etwas gut fühlen; obwohl kaum mehr Geld im Kasten klingelt.

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Antwort auf ebertus  zum Kommentar Das ist die Krux ...
 

So trivial kann das doch nicht sein.

Die Verlage machen Kopfstände, um in jedem Online-Eckchen noch eine Werbung mit bewegten und ungewegten Bildchen zu »verstecken.«

Da scheint mir das Gejammere auf sehr hohem Niveau doch eher verlogen zu sein, um dem Fiskus Sand in die Augen zu streuen, damit die nicht merken, was alles ins Steuerparadies abwandert. Nimm allein einmal die Veränderung beim der Freitag. Da mußt du heute suchen, was und wo der redaktionelle Teil ist, von dem Michael Jäger mal behauptet hat, daß der Freitag von der Print-Auflage lebt.

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Antwort auf Heinz  zum Kommentar Geld im Kasten?
 

will MEEDIA mit einem neuen Tool für Onlinemedien  erreichen.

"Wir rechnen offiziell mitgezählte fremde Medien heraus, entschlacken Konglomerate wie RND und DuMont Newsnet – und einiges mehr."

Scheint nötig zu sein, bei den Verschleierungstaktiken der Verlage. Nur dürfte es sich auch bei diesem Tool um Online-Medien handeln, welche öffentlich lesbar, anklickbar sind. Medien bzw. Inhalte, für die man sich explizit anmelden muss, sie dürften naturgemäß "so" kaum auswertbar sein. Diese Zahlen kennen nur die Verlage.


Skurril ... oder auch nicht?

"*Unique User ab 16 Jahren"

Gemäß diesem Folgeartikel  kennt MEEDIA sogar das Alter der Anklicker. Interessant außerdem (soweit ich es im Schnelldurchgang richtig überblickt habe-, dass bei diesen Top-100 keinerlei Alternativmedien gelistet sind.

Bild des Benutzers Heinz

Antwort auf ebertus  zum Kommentar Bestmögliche Transparenz
 

Wie unabhängig ist das Medium; andersrum, wer bezahlt die?

Nehmen wir einmal an, die Werbeindustrie bezahlt, dann ist das ein Ranking für die Werbekosten, die auf bestimmte Zielgruppen spezialisiert sind.