1 Feb 2019

Geschlechterrollen, Geschlechterfragen

Submitted by ebertus

Brandenburg geht voran, werden dort zukünftig quotierte Wahllisten zwingend sein. Das Gesetz wurde gestern im Brandenburger Landtag beschlossen und würde -soweit es die allfällig nun folgenden Verfassungsklagen übersteht- die Parteien verpflichten, nur noch paritätisch besetzte Wahllisten auszustellen.

Zugegeben, manchmal kann ich nicht an mich halten, weiche auf Ironie oder gar Sarkasmus aus, wenn das Geschlecht, die Ethnie und/oder die sexuelle Orientierung ideologisiert werden sollen. "Frauen gut", aber nur bis böse, rechte Frauen auf den Plan treten. "Migranten gut", aber nur bis sich auch böse, rechte Migranten melden. "Homosexualität gut", aber nur bis böse, rechte Homosexuelle es wagen, sich und ihr Anliegen öffentlich zu machen.

Insbesondere das Thema "Gleichberechtigung" in seiner gern als "Parität" gewünschten Ausprägung hätte spätestens und über schnöde Ideologie hinaus ein realweltlich abzuhandelndes Thema werden müssen, nachdem es das Bundesverfassungsgericht vor rund einem Jahr ermöglicht hat, weitere Geschlechterrollen zu definieren; über das herkömmliche "Mann" bzw. "Frau" hinaus. Nach meinem Eindruck jedoch, ist seitdem nicht viel passiert, hat der Gesetzgeber zwischenzeitlich lediglich die Möglichkeit eröffnet, im Personenstandsregister als Geschlecht auch "Divers" angeben zu können;

wobei dies nach meiner Information nur bei bestimmten medizinischen Indikationen erlaubt ist.

Nun zieht sich die Frage des Geschlechts und der bislang lediglich zwei Geschlechterrollen jedoch durch eine kaum überschaubare Zahl an Gesetzen, Verordnungen und Ausführungsbestimmungen, welche das formale, auch und insbesondere das formalrechtliche Miteinander in der Gesellschaft regeln. Jetzt gendergerechte öffentliche Toiletten für mindestens drei Geschlechter einzurichten, das dürfte lediglich an der Oberfäche kratzen. Das Steuerrecht, das Arbeitsrecht und eben auch das Wahlrecht (um nur drei zu nennen) müssten eigentlich auf eine Geschlechterzahl jenseits der herkömmlichen zwei hin angepasst werden.

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Was die formalrechtlichen Anforderungen betrifft, so hat Christian Rath in der taz bereits einiges zusammengetragen. Im Lichte obiger Einführung scheint mit insbesondere der vierte Punkt von gewisser Relevanz:

"Viertens könnte es Probleme mit dem sogenannten dritten Geschlecht geben, worauf ironischerweise vor allem die Rechtsaußenpartei AfD hinweist. 2017 hatte das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass es für Menschen, die biologisch weder eindeutig Mann noch Frau sind, eine eigene Kategorie im Personenstandsrecht geben muss. Der Bundestag hat daraufhin die neue Kategorie „divers“ eingeführt."

Diese weitere, gar vom Bundesverfassungsgericht abgesegnete Geschlechterrolle und mittlerweile als "Divers" offiziell in das Personenstandsregister eingefügt, sie könnte sich in Sachen Gleichberechtigung als Bumerang erweisen. Bislang hört man allerdings wenig über die praktische Umsetzung; außer vielleicht, was die Planung zusätzlicher Toiletten für Diverse betrifft. Dabei zieht sich das herkömmliche, auf lediglich zwei Geschlechterrollen basierende System von Mann und Frau, von männlich vs. weiblich durch viele Gesetze und Vorschriften.

Und es betrifft eben auch die "Gleichstellung", welche nun nicht mehr von lediglich zwei Geschlechtern ausgehen kann bzw. ausgehen darf. Insofern ist das Brandenburger Gesetzesvorhaben -ohne es zu wollen- rückwärtsgewandt, bestätigt es ja gerade das Herkömmliche, lässt diverse Geschlechter außen vor.

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In der praktischen Umsetzung und hier abschließend erwähnt, dürfte es dann beinahe unmöglich werden, die geplanten Wahllisten ohne Diskriminierung aufzustellen. Im Gegensatz zu der Forderung mancher Hardcore-Genders nach freier Wahl des Geschlechts (ist das doch lediglich eine Performance - frei nach Judith Butler) muß die Geschlechterrolle "Divers" nun hierzulande und soweit sie rechtsgültig eingetragen werden darf gewisse medizinische Indikationen erfüllen. Bin dahingehend kein Fachmann und glaube dennoch, dass sich die Zahl der "Diversen" in sehr engen Grenzen halten wird.

Erst recht die Zahl derer, welche sich in einer politischen Partei engagieren wollten. Es wird also weitreichende Ausnahmen von dieser dann eigentlich Drittelparität geben müssen, weil außer in ggf. angesagten innerstätischen Kiezen kaum Potenzial für diese geschlechtsspezifische wie auch politisch interessierte Rolle zur Verfügung stehen wird.

Etwas abgeschwächt dürfte dies auch auf das Geschlecht "Frau" insgesamt zutreffen, wo Frauen nicht selten ganz andere Präferenzen haben, als sich der sog. Ochsentour in einer politischen Partei hinzugeben. Durchaus zutreffend wird dieses Verhalten oft als Vereinsmeierei abqualifiziert; und in der Regel, bis auf die parteipolitischen Instanzen, kommt für die Protagonisten materiell auch wenig bis nichts rüber.

Mehr noch: Eigene Erfahrungen via der IG-Metall und einer Mitgliedschaft in einem Kleingartenverein machten mir sehr schnell klar, dass erfolgreiches "Teilnehmen" dort seinen Preis hat, oft große Elastizität (gegen sich selbst) im Denken und danach Handeln erfordert. Ob jetzt Frauen "das" schon viel früher, viel intuitiver erfahren als Männer, das sei mal dahingestellt.

Andererseits, wer als Frau (oder gar als Divers) das alles ab kann, dürfte jenseits urbaner grüner Zentren, jenseits von Fähigkeiten (außer der eloquenten Selbstvermarktung) gute Chancen haben via einer Einforderung der Quote die Karriereleiter zügig hinauf zu klettern.

Kommentare

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Wir gewöhnen uns gerade daran, daß in der Musikszene auch Frauen am Dirigent*Innen-Pult stehen und mehr Frauen in die Vorstände der Dax-Unternehmen einziehen – und du kommst hier mit einer paritätischen Wähler*Innen*Divers Liste yes

Antwort auf Heinz  zum Kommentar Du hast Sorgen
 

... ist ja als perspektive nicht mehr so richtig tragbar ... und glaubst du, dass bei bewerbern für einen DAX-vorstand oder z.b. als drohnenpiltotin das GESCHLECHT??? über inhalte entscheidet ... sich verändert???

SOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO unterschiedlich sind sich männer und frauen in bestimmten charaktereigenschaften dann doch nicht ... und solange männer keine kinder gebären und stillen können, ist doch alles nur heiße luft, die politisch-ideologisch rumgeblasen wird

die deutschen feuilletons haben gerade neuen dauer-brenner-gesprächsstoff gefunden - nachdem ein buch über diese frau erschienen ist >>> dabei ALLES NIX neues ... und kommt davon, wenn man die welt und menschen nicht differenziert betrachten kann oder will

https://de.wikipedia.org/wiki/Stella_Goldschlag

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Antwort auf Heinz  zum Kommentar Du hast Sorgen
 

Wie eingangs des Blogtextes geschrieben.

Kann manchmal nicht an mich halten, wenn von interessierter Seite versucht wird, schnöde Biologie, Ethnie und/oder sexuelle Präferenz in ein ideologisches Raster zu pressen. Als "Frau", oder als "Divers" würde ich denen  den berühmten Stinkefinger zeigen; bei diesem Angebot, als Frau oder als Divers nun mal bitteschön eine gutbezahlte, quotierte Karriere zu machen.

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"... nachdem es das Bundesverfassungsgericht vor rund einem Jahr ermöglicht hat, weitere Geschlechterrollen zu definieren; über das herkömmliche "Mann" bzw. "Frau" hinaus."

bernd - ich seh das etwas anders (als freundin der freien und fantasievollen interpretationsmöglichkeiten ... jeder religion, ideologie oder gesetzesgebung ... und nebenbei frage ich mich, ob "FRAUENhäuser oder FRAUENbeauftragte ..." dann verfassungsrechtlich überhaupt noch existieren dürfen ... bestimmt genau wie "bruderbünde und herrenclubs" ... doch das ist nicht mein thema

>>> ich sehe für mich (und jeden anderen menschen) die möglichkeit einer völlig freien definition - die wie z.b. die gelbwesten - sich jeder politisch-ideologischen zugehörigkeit verweigern ... da ich behaupte dass meine "medizinische indikation" auf der NUR MIR ALLEIN festgestellten DNA möglich ist - dies über meine sexuellen präferenzen aber NIX sagt, genauso wenig wie meine äußere erscheinung ja nicht mit meiner "gefühlswelt" übereinstimmen muß ^^^

naja, ich möchte auf keine wählerliste ... und habe auch mit der toilettenbenutzung keine probleme (ich kann, wenn ich muß überall) ... aber vielleicht komme ich mal in eine situation in der ich als "speziell-divers" nicht zuordbar bin ... und meinen spaß haben kann ... das ist doch ein zugewinn an lebenswert^^

ganz zufällig bekommen meine gedanken zum gg "wenn recht zu unrecht wird, ist widerstand pflicht" viel neue nahrung aus dem "realen alltag" : denn ist der leinenzwang für hunde nicht tierquälerei = unrecht ... ganz abgesehen davon wie tiere generell grausam gefoltert werden dürfen ... aber auch menschen in lagern und polizeigewalt

ps. die immer neuen gesetze als ausdruck von senil-primitiven aktionen der politik werden sich natürlich "irgendwann" selbst ins knie schießen ... das ist ein evolutionsgesetz ... solange versuche ich wie schwejk im weltkrieg zu überleben und IMMER BEIDE seiten zu betrachten : meine lieblingseite ist kompaß

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Irgendwo in den Relotiusmedien gelesen ...,

dass sich "Diverse" gemäß diesem Brandenburger Gesetz explizit für die Männer- oder Frauenliste entscheiden dürfen (müssen), wenn sie kandidieren wollen. Schon zum Schmunzeln, wo doch jetzt überall im Land noch eine dritte Garnitur Toiletten errichtet werden soll; während die wirklich substantiellen Dinge einer bereits im Grundgesetz geforderten Gleichberechtigung aller  (formalrechtlich zugelassenen) Geschlechter nun doch wieder auf Mann vs. Frau reduziert wird.