8 Mär 2019

Grenoble brennt

Submitted by fahrwax

Das es hierzulande nicht publiziert wird, wenn Menschen 'die Schnauze voll' haben und beginnen sich zu wehren ist nichts sonderlich neues. Unsereiner ist schon beinahe beglückt, wenn solcherlei Verschwiegenes nicht auch noch als rechtsradikal oder antisemitisch diffamiert wird:

"Seit drei Nächten brennt im Neubauviertel Mistral in Grenoble die Luft. Buchstäblich. Autos stehen in Flammen, Tränengas steht in der Luft, die Bullen haben Verstärkungen der Bereitschaftspolizei in das Viertel verlegt. Es nutzt ihnen wenig. In dieser Nacht haben sich Jugendliche auf dem Dach eines Hochhauses postiert, von dort fliegen immer wieder Molotow Cocktails auf die Bullen, die hilflos versuchen,mit ihren Abschussgeräten Tränengas auf das Dach zu schießen. Aber die Geschosse erreichen nicht ihr Ziel, prallen immer wieder nur an der Fassade ab, zu geringe Reichweite. Pech gehabt, heute Nacht wechselt die Angst die Seite.

Irgendwann haben sich die Bullen zum Eingangsbereich des Hochhauses vorgekämpft. Werden das Dach stürmen. Zu spät kommen, niemand mehr antreffen. 65 Autos werden am Ende der Nacht abgebrannt sein, die Bilder der Molotow Cocktails, die von den Hausdach segeln, werden landesweit versendet werden. Doch die Bullen haben nur eine Festnahme vorzuweisen als Resultat ihrer Bemühungen in dieser Nacht. Eine Demütigung."


"Doch wie hat alles angefangen? Wann hat alles angefangen? Wer weiß das schon zu sagen. Seit Jahrzehnten brennt immer wieder die Luft in den quartiers populaires. Werden Jugendliche von den Bullen gejagt, verprügelt, umgebracht, weil sie aus dem falschen Viertel kommen. Die Anlässe sind beliebig. Ein geklautes Moped, ein offener Haftbefehl wegen irgendeiner Nichtigkeit, oder einfach die falsche Hautfarbe oder die falsche Visage am falschen Ort. Letztes Jahr haben sie einen jungen Mann in Paris auf offener Straße einfach hingerichtet. So lange in sein Auto geballert, bis er tot war. Er war unbewaffnet, aber was spielt das für eine Rolle. Die Polizeigewalt ist allgegenwärtig, wenn du jung bist und aus dem falschen Viertel kommst. Mathieu Kassovitz hat dem ganzen Wahnsinn in La Haine eine unvergessliche Hommage in Bildern gewidmet, die sich in das gesellschaftliche Gedächtnis gebrannt haben.

Vor drei Tagen hat es nun Adam und Fatih erwischt. 17 und 19 Jahre jung. Im Bullenbericht wird es heißen, sie seien ohne Helm auf einem Moped unterwegs gewesen. Das sei auch noch geklaut gewesen. Eine Zivilstreife der berüchtigten brigade anti-criminalité [BAC] habe das Moped dann verfolgt, nachdem es den beiden Jugendlichen zuerst noch gelungen sei, einen Polizeiwagen der Police Nationale abzuschütteln. Mann kann sich das ausrechnen, ein Moped und eine hochmotorisierte Zivilstreife. Die Insassen jagdgeil. Irgendwann sei das Moped zwischen einen Bus und eine Mauer geraten, natürlich habe das nichts mit dem Verhalten der Bullen zu tun gehabt. Man werde eine Untersuchung einleiten, weil ja der Unfall nichts mit dem Verhalten der Bullen zu tun gehabt habe. Jeder kennt das Ergebnis solcher Untersuchungen schon im Voraus. Vor allem, wenn es heißt, die Jugendlichen seien schon „polizeibekannt“ gewesen. Alle diese Untersuchungen kommen immer wieder zum selben Ergebnis. Außer es läuft dumm für die Bullen und sie werden bei ihren Taten gefilmt. So wie bei Théo, den sie zusammengeschlagen und einen Schlagstock in den Anus gerammt haben. Auch da brannte die Luft in den quartiers populaire.

Was neu war an den Geschehnissen nach der Misshandlung und Vergewaltigung von Théo war die Tatsache dass die Leute aus den Vororten mit einem Mal nicht mehr alleine dastanden. Als sich Tausende vor dem Justizpalast von Bobigny versammelten und das Ganze in einen mittelprächtigen Riot ausartete, waren da auf einmal auch die Antifas aus der Innenstadt von Paris und die Leute, die bei den Protesten gegen die “Reform“ der Arbeitsgesetze (loi travail) als cortège de tête aufgetreten waren und dabei reichlich Banken zerlegt und sich heftige Auseinandersetzungen mit den Bullen bei den Demos geliefert hatten. Und so entstanden neue Komplizenschaften, kam es landesweit an den Schulen der „besseren“ Viertel zu Blockaden und Demos in Solidarität mit Théo. Und auch wenn diese Komplizenschaft nur eine sehr brüchige war und ist, so wirkt sie doch bis heute fort, wenn sich bei den Aktionen der Gilets Jaunes auch Leute aus den quartiers populaires einfinden und dort gemeinsame Sache mit den Antagonist*innen und den den Leute von den unabhängigen Gewerkschaften machen.

Von den Schwierigkeiten, den Begrenzungen dieser Komplizenschaft, sowie der Situation in den Vororten und den Bedingungen, unter denen dort politische Arbeit stattfindet, handelt ein Interview, dass 2017 mit Samir vom Mouvement de l’immigration et des Banlieues geführt und auf Lundi Matin (1) veröffentlicht wurde. Da die Aussagen dieses Gespräches hoch aktuell sind, sei an dieser Stelle an diesen Text erinnert:

Unsere Stadtteile sind keine politischen Wüsten“

Zum kompletten Bericht, also der Quelle:   https://enough-is-enough14.org/2019/03/06/zu-den-juengsten-unruhen-in-grenoble/?fbclid=IwAR2zc-5Sffs1kzISA2yPS63aAsoha2gGUH-JXHqkXRDu__haM6-E7CaMZYs

Kommentare

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Dank fuer die Info! LG von der Costa

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sind auch die medien - die, wie ich vermute von der gewalt und brutalität der polizei im auftrage des staates KEINE neutrale vermittlungststelle von umfassenden informationen einnimmt ... ihre augen fest geschlossen hält ... und wie wir" wissen, diese erst wieder öffnet, wenn gewalt GEGEN diesen staat sichtbar ist.

eigentlich ist dies schon die ganze geschichte: spot aus - spot an ("doch die im dunkeln sieht man nicht" ... wußte schon brecht) ... und es ist war ERWIESENERMAßEN hoffnunglos, (gewaltloses-demokratisches) licht in das dunkel zu bekommen. >>> doch welche EINZIGE (?) möglichkeit bleibt dann noch????????, wenn man diesen zustand verändern möchte?

"gewalt" ist nun mal ein physisch-physikalisches instrument der NATUR ... doch die menschen haben schon lange zeit foltermethoden praktiziert, die kaum noch gewaltSPUREN hinterlassen (wie ein erdbeben oder hurrikan) ... seinen diese nun psychischer, chemischer, ökonomischer oder juristischer art ... selbst die militärische gewalt wird mit "friedens- und demokratieverantwortung" besungen

gewalt ist immer ausdruck vom versagen aller anderen möglichen mittel ... wobei hier EINDEUTIG vom versagen der mächtigen gesprochen werden muß (aber nicht wird) ... jetzt wird einfach nur GEANTWORTET mit gewalt und ist gut (als sprachersatz) zu verstehen ...

ich möchte keine gewaltsamen verhältnisse - aber sie sind schon LANGE da ... sind im system angelegt ... in seinen dunklen hintergründen ... und letztendlich MÜSSEN diese ans licht kommen und werden es ... die verantwortung dafür tragen nicht die, die ihre ketten mit gewalt zerstören, sondern die, die sie schmieden und anderen anlegen >>> für bewegungsFREIHEIT der unterdrücker

gewalt ist NICHT der inhalt ... es ist die FORM, die es zu erkennen gibt als unterschied von befreiung/unterdrückung

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und gegen Maduro, dann würden sich die Qualitätsmedien hierzulande wohl überschlagen.

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Der Staatsfunk vom NDR meldet auch hier im Radio nix von Grenoble. Ich schreib denen mal eine Mail, um sie aufzuwecken.

ARD Tagesschau: 
Nach Tod zweier Jugendlicher Ausschreitungen in Grenoble
Stand: 05.03.2019 21:38 Uhr

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Antwort auf Heinz  zum Kommentar Das Schweigen im Walde
 

........darf keineswegs von den teutonischen Knechten übernommen werden, sie muss kleingeredet oder karikiert werden - da sind alle Gottheiten des "Teilen & Herrschen" vor, wie es sich in der gloreichen BRD nunmal gehört.

RUBIKON macht eine schöne Ausnahme:

"Ein Gespräch mit dem französischen Abgeordeten François Ruffin und dem Dokumentarfilmer Gilles Perret über die Gelbwesten-Bewegung.

Schönheit“, „Stolz“, „Liebe“ — die beiden Regisseure, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die neue Protestbewegung in Frankreich filmisch zu porträtieren, werden regelrecht poetisch, wenn sie von ihren Heldinnen und Helden sprechen. Mit Recht, denn wenn sich Menschen, die lange niedergedrückt und in Knechtschaft gelebt haben, endlich gegen ihre Unterdrücker erheben, geht ein Leuchten von ihnen aus. Und wer frei ist, ist auch schön. Wünschenswert wäre nun, dass der neue Aufbruch sowohl von der Mittelschicht als auch den „Intellektuellen“ nicht zerredet wird. Es bedarf des Mutes und des Einsatzes vieler, um die Wende zu schaffen."

https://www.rubikon.news/artikel/die-franzosische-revolution

 

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Antwort auf fahrwax  zum Kommentar Die französische Revolution......
 

Rudolf Bahro: Die Alternative - Zur Kritik des real existierenden Sozialismus Gebundenes Buch – 1977; heute nur noch antiquarisch.

Rudolf Bahro eintwirft eine Strategie, um zu der von Marx geforderten freien Assoziation zu gelangen, in der »die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist«.

Mir ist die sozialistische Variante suspekt, in der ein Sozialstaat korrumpierbarer Politiker und Beamter das BIP der poltischen Ökonomie umverteilt und bestimmt, wie der Topf gefüllt und gelehrt wird. Mit einem Allgemeinen Grundeinkommen kommen wir dem freien Bürger schon ein großes Stück näher. Die Furcht, keiner wolle dann mehr arbeiten, haben eh nur die Abzocker von Arbeitskraft, also Mitesser, Ausbeuter und wasserköpfige Beamte und Verwaltungspenner  – Pietschbonger.