4 Mai 2016

Von Josef Schuster über Armin Langer zu Anetta Kahane

Submitted by ebertus

Es ist schon makaber, weniger zum Schmunzeln denn beinahe sprachlos machend, wenn via einem Artikel bei derFreitag nebst mancher Kommentare dort dazu aufgefordert wird, sich doch bitte, bitte an dieser IM-Vergangenheit der Anetta Kahane abzuarbeiten. Dahingehend, als einhegende Verteidigungstrategie liegen schließlich diverse Textbausteine und Gutachten, liegen an die Kritiker zu richtende, diffamierende Stereotype bereit.

Wer sich diesem Pseudodiskurs verweigert, stattdessen relativ bis sehr aktuelle Positionen der Stiftung und ihrer Vorsitzenden hinterfragt...; für den, für diejenigen wartet (ebenso) die subtil bis offen, und ad personam ausgeschmückte, neurechte Ecke. Bei Zensursula, den damals wegen "KiPo", statt heutigem "Hate Speech" aufgestellten Stoppschildern lief das ähnlich - "Haltet den Dieb" im vollsten Brustton der (gespielt) entrüsteten Betroffenheit.

Es hilft den Delinquenten, den entlarvten Kritikern der Kahane-Stiftung auch wenig, sich stringent inhaltlich zu äußern; im Gegenteil. Was (und wen) interessiert denn schon die Positionen der Frau Kahane zur Beschneidung, zu Judith Butler, die äußerst selektiven oder gar die Nichtpositionen zu gesellschaftspolitisch relevanten, aktuellen Diskursen.

Dieser Blogtext hier bei den Termiten ist öffentlich angelegt, sollten jegliche gern erwarteten kommentatorischen Äußerungen ebenfalls die Positionen der Frau Kahane und ihrer Stiftung seriös adressieren.

Als Einstieg sei mein dahingehend inhaltlich letzter FC-Kommentar wiederholt, insbesondere der sich gleich noch zu weiteren Höhen aufschwingende Hinweis auf Josef Schuster, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland darf beachtet werden:


Ist schon mal aufgefallen, dass Gesellschaftspolitik insgesamt, jenseits sehr selektiver, darum vielleicht umso stärker betonter, dennoch nicht hinterfragter Ausprägungen für die Stiftung und ihre Vorsitzende überhaupt nicht existiert?

Neurechte, Neonazis, Fremdenfeinde, Rassisten, Antisemiten, eher lose Verbindungen oder bereits institutionelle Gruppen, Parteien wie Pegida, die AfD etc. sind einfach da;

wie from outer space; und werden in immer größerer Zahl erkannt, entlarvt.

Flüchtlinge sind ebenfalls einfach da;

ebenfalls wie from outer space und primär nur dann, wenn diese Flüchtlinge verbalen oder realen Übergriffen durch oben genannte Personenkreise ausgesetzt sind.

Von den rund 200 Ländern dieser Erde, den rund sieben Milliarden Menschen, den Konflikten, den globalen Weltordnungskriegen existiert eigentlich nur Israel, findet Weltpolitik in ihren vielfältigen Auswirkungen auf die EU, auf Deutschland für die Stiftung nicht statt.

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Oder hat man von der Stiftung mal etwas zu den Aussagen eines Josef Schuster in Sachen Flüchtlinge, deren von Schuster unterstellten Antisemitismus, gar den in diesem Kontext positiv gesehenen Obergrenzen gehört?

Gibt es konkrete Stellungnahmen, gar Kritik der Stiftung zu dem wieder neu aufgebauten, bewaffneten EU-Grenzregime vom Balkan bis in die Ägäis?

Gibt es Stellungnahmen oder gar Kritik der Stiftung zu den EU-Vereinbarungen mit der Türkei, dem, was dahingehend zu Libyen gerade diskutiert wird?

Gibt es Stellungnahmen oder gar Kritik der Stiftung zur postulierten, weltweiten militärischen Verteidigung unserer (westlich-weissen) Wirtschaftsinteressen?

Gibt es überhaupt Stellungnahmen der Stiftung zu Wirtschafts- und Sozialpolitik, den Parteien und Institutionen jenseits von AfD und dessen Umfeld?

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Oder kann es sein, dass die Stiftung eine ganz andere, gar eine (Alibi)funktion erfüllt?


Wo sind sie, die kritischen oder gar zustimmenden Äußerungen der Kahane-Stiftung zu eben dieser Diskursvorlage des Josef Schuster? Immerhin geht es dabei doch um die beiden Kernthemen der Stiftung: Flüchtlinge und Antisemitismus! Wenngleich und ganz bewußt nicht in der von Schuster gebildeten Konklusion, dieser nach Schuster wohl ethnischen Bedingtheit; könnte sich doch genau das als erklärungsbedürftig herausstellen ...

Wenn man das Interview von Schuster in Welt-Online aus der Metaperspektive betrachtet, so wird schnell klar, dass der Josef das Maximum dessen gesagt haben wollte, was er sagen sollte; ohne Ärger mit Anetta Kahane oder den anderen Wächtern der Willkommenskultur zu riskieren. Allerdings, aus einer Sequenz wird man ihm dann (richtigerweise?) den kleinen Strick drehen:

"... gleichzeitig aber entstammen sie [die Flüchtlinge] Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil sind"

Die klassische Figur eines negativ konnotierten, eines abstrakten und dennoch pauschal, gruppenspezifisch zuweisenden Antisemitismus. Welch ein Fest wider alle entlarvten Rassisten -die Ereignisse der Silvesternacht in Köln im Hinterkopf- hätte das für Anetta Kahane und ihre Stiftung sein können ... Nur spricht eben Schusters Vita und seine Religionszugehörigkeit dagegen; gegen die ansonsten wohl allfällige Kampagne.

Einer, der dann doch den eigentlichen Job der Stiftung macht, das ist Armin Langer. In mitunter drastischer, gar vergleichender (AfD, Pegida & Co.) Wortwahl zeigt er deutlich auf, was seiner Meinung nach von Schusters Einlassungen zu halten ist; und über die Person eben dessen hinaus. Allerdings, wieder nichts für die Kahane-Stiftung dabei, ist Langer doch ein kurz vor dem Abschluß stehender Rabbi-Student. Ok, die Hochschule bzw. der Potsdamer Kollege hat dem Armin Langer, ob dieser Unbotmäßigkeit gleich mal die Instrumente gezeigt; ihn (vorerst) von der Prüfung ausgeschlossen.

Aber warum soll Rassismus nicht auch im Judentum vertreten sein? Hatte genau das und mit Bezug auf Judith Butlers Adorno-Vorlesungen in einem Kommentar zu dem hier in Rede stehenden Freitags-Artikel thematisiert:...


Butlers, die Ehrung begründende Adorno-Vorlesungen finden sich im Wesentlichen in dem kleinen Band "Kritik der ethischen Gewalt" und insbesondere die dort geführte intellektuelle Auseinandersetzung mit Emmanuel Levinas, dessen -wie Butler schreibt- unverholenem Rassismus ist mehr als aktuell:

"... wenn Levinas in unverholenem Rassismus behauptet, Judentum und Christentum seien schlechterdings die kulturellen und religiösen Voraussetzungen ethischer Relationalität, und vor dem Aufstieg der zahllosen Massen unterentwickelter asiatischer Völker warnt ..."

(Seite 120 ff.) wer denkt dann nicht und sehr aktuell an Josef Schuster und dessen Warnung; oder das von Pegida gern beschworene christlich-jüdische Abendland, an Samuel Huntington, an die US-geführten Weltordnungskriege.


Was dann, aus der Sicht von Judith Butler natürlich noch ganz andere Implikationen mit sich bringt. In "Parting Ways" hat Butler dies konkretisiert, mit vielen Bezügen auf andere, insbesondere jüdische Denker die Diaspora als Wesensmerkmal des Judentums herausgearbeitet, lässt einen Zionismus jenseits israelischen neokolonialen Gebarens primär in der Tradition von Martin Buber, als sog. Kulturzionismus gelten.

Da wird aus meiner Sicht deutlich, was die Frau Kahane in Sachen Butler umtreibt ...

Zwei inhaltlich zielführende Links mögen diesen Themenkomplex abschließen:

# Judith Butler im Gespräch mit Micha Brumlik in den Räumen des Jüdischen Museums zu Berlin

# Carlo Strenger via Haaretz über Butlers dahingehendes Buch - Paycontent, aber man kann sich dort für freie Artikel registrieren.

Beides wohl nicht die Diskursebene auf der sich die Stiftung nebst ihrer Follower bewegen könnnen oder wollen.

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Bleibt an eher aktuellen Themen noch die sogenannte Beschneidungsdebatte, zu dem Anetta Kahane via dem Freitag ihre Sicht der Dinge dargestellt hatte. Das schon ein Stück weit Irrationale an diesem Diskurs war die Tatsache, dass das in Rede stehende Kölner Urteil zur Beschneidung einen muslimischen Jungen betraf, Muslime hierzulande zahlenmäßig wohl auch den weit überwiegenden Teil der potentiell, gemäß einer Entscheidung der Eltern zur Beschneidung vorgesehenen Kinder (Jungen) darstellen. Dennoch bestimmten bereits kurz nach dem Urteil beinahe ausschließlich jüdische Stimmen den Diskurs.

Und diese Stimmen hatten nicht das geringste Interesse, die medizinischen, hygienischen oder vielleicht auch rechtlichen Implikationen zu diskutieren. Es ging (ihnen) ausschließlich um Jahrtausende alte Riten, die in der Wüste des Sinai oder am Toten Meer mit Sicherheit ihre Berechtigung hatten. Der oft schon ins Hysterische abgleitende Tenor ließ dann vordergründig nur die Wahl zwischen dem nächsten Holocaust oder der vorherigen Auswanderung aller Menschen jüdischen Glaubes aus Deutschland.

Die Möglichkeiten des Internet machten schnell deutlich, dass es eben keine deutsche Debatte ist, in verschiedenen Ländern gerade Europas und bis hin nach Israel gibt es sehr ernsthafte Diskussionen, welche dieses Ritual zunehmen infrage stellen, dahingehend begleitende Gesetze und Vorschriften sich teilweise bereits in der Umsetzung befinden.

Mahnende, auch jüdische Stimmen wie die des in Sachen Israel vollkommen unverdächtigen Michel Wolffsohn wurden von den Berufsoffiziellen nebst den Verteidigern jedweder Amputation faktisch ignoriert, wurden stattdessen kompetente Rabbiner aus anderen Teilen der Welt eingeflogen, die -welch Ironie- eine Beschneidung gar noch als Branding (aber nur für kleine Jungs!) verkaufen wollten, ansonsten ebenfalls den Holocaust subtil bis offen bemühten.  Einzig die sog. Antideutschen, verbal immer an der Seite Israels und des Judentums, sie gingen vorsichtig bis offen auf Distanz.

So nah sollten (ihnen) jüdische Riten dann wohl doch nicht kommen ...

Und die Anetta Kahane? Man ahnt es ...

"Die Beschneidungsdebatte mit ihren aggressiven Auswüchsen ist zu einer Plattform des offenen, unverhohlenen Ressentiments geworden. Sie hat nun den Rest dieses Glaubens an Deutschland zerstört. In diesem Streit geht es schon längst nicht mehr um Argumente, sondern um das Jüdischsein selbst."

"Wenn man uns dieses, für die Identität zentrale Ritual austreiben will, bedeutet das, wir sollen doch endlich aufhören, Juden zu sein.".

"Viele Juden, religiöse und säkulare, sehen in der Beschneidungsdebatte nicht nur Rechthaberei, sondern einen Kulturkampf gegen jüdisches Leben in Deutschland."

Dieser Tenor, eben als Huntingtons Kulturkampf des "wir oder die" inclusive abstrakter, gruppenspezifischer Zuweisungen (hatten wir oben schon zu Josef Schuster) durchzieht den kompletten Text beim Freitag; und der Gesetzgeber hierzulande hat verstanden, wurde mit politisch-exekutiver Mehrheit das Grundgesetz via niederrangiger Gesetze und Vorschriften partiell in sein Gegenteil verkehrt, braucht der Amputierer keine Lizenz als hierzulande zugelassener Facharzt und jedes Hinterzimmer mag als Ersatz für ein klinisches Umfeld ebenfalls gut genug sein.

Ok, in wenigen Sätzen wurde dann auch gleich noch Judith Butler als faktische Terrorversteherin zurechgewiesen;

und da wird es dann hohe Zeit, Butlers Lebenswerk, Butlers globalen Impact in Sachen Ethik&Gesellschaftswissenschaft zu betrachten;

auch Butlers Vita mit eben der von Kahane zu vergleichen ...

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Bitte, bitte ... den IM-Diskurs führen

Josef Schuster und seine Obergrenzen

Jüdischen Rassismus erkannt: Armin Langer

Zur Beschneidung, zu Judith Butler: Anetta Kahane

Kommentare

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Vera Lengsfeld war nach meiner Erinnerung zur Wendezeit eine DDR-Bürgerrechtlerin.

Sie ist nun bereits länger schon bei der CDU und Achgut ein wohl von H.M. Broder angeschobenes Netz-Medium. Ganz aktuell dort (04.05.2016 / 14:00) und weil oben im Blogtext nicht angesprochen, so bringt Lengsfeld in einem Beitrag eben dort bei Achgut dieses faktische, ohne jede explizite Rechtsgrundlage werkelnde Public-Private-Partnership (PPP) auf den Punkt eigener Erfahrungen mit der, wie Lengsfeld schreibt "Hate Speech-Politesse":

"Ich musste Ende März die Erfahrung machen, dass  wegen eines merkelkritischen Posts meine persönliche Facebook-Seite gesperrt wurde, obwohl Politiker wie die Bundeskanzlerin nicht zu einer schützenswerten Minderheit gehören. Inzwischen hat sich Facebook entschuldigt, es sei ein Fehler gewesen. Bis heute wurde die Frage nicht beantwortet, was die Ursache des Fehlers war, wer die Sperrung veranlasst hat. Ich wüsste gern, ob die „Beratertätigkeit“ der Stiftung damit in Zusammenhang steht."

Da wird die gute Vera womöglich lange, ewig vielleicht auf eine zielführende Antwort warten müssen ...