20 Apr 2016

Auflagenzahlen 1. Quartal 2016

Submitted by ebertus

Mit "Heulen und Zähneklappern" wurde bereits der Bericht zum vierten Quartal 2015 überschrieben. Ist die (begriffliche) Steigerung überhaupt noch möglich?

Vorab vielleicht noch der Hinweis, dass die neuen, oft grausamen Zahlen hier einerseits zwar referiert werden, der Schwerpunkt andererseits jedoch auf Meinung und Hintergrund gelegt werden wollte; absolut subjektiv, das versteht sich. Diese Vorgehensweise scheint mir im Sinne der erwartbaren Entwicklung wesentlich zielführender als reine Zahlenfriedhöfe lediglich abzubilden, sind diese Daten komplett via der unten angegebenen Links nachvollziehbar.

Nun also das erste Quartal 2016 - es konnte schlimmer kommen; und es kam schlimmer ...
 

Zeitschriften, Magazine:

Warum in den letzten Wochen bereits einige Interna zum Spiegel durchgestochen, geleakt wurden, das wird jetzt verständlich, weiß man dort sehr gut und schon länger um den nur begrenzt Hoffnung machenden Gang der Ereignisse. In der Summe aus Abo und Einzelverkauf (EV), den wirklich harten Kriterien, verliert der Spiegel zweistellig gegenüber dem Vorjahresquartal: satte 11,4 Prozent. Nicht aus den Tabellen zu entnehmen und dennoch im Text bei MEEDIA erwähnt, so ging der Einzelverkauf sogar um 18,4 Prozent zurück.

Was soll man dazu sagen? Schneller, höher, weiter, bunter? Noch populistischer, noch systemischer? Noch transatlantischer? Noch neoliberaler? Endlich auf den Paywall setzen? Ventiliert wird seit einiger Zeit und wohl nicht nur beim Spiegel, neben Paycontent auch der Einsatz von Adblock-Blockern. Nutzer, welche sich mit einem derartigen Browser-Addon vor Werbung schützen, sie könnten vom Zugriff auf (bislang) kostenlose Angebote ausgeschlossen werden;

bis neue, technische Entwicklungen diesen Zugriff dann verschleiern, wieder möglich machen.

Den Mitbewerbern des Spiegel geht es nur ein wenig besser; oder gar schlechter. Minus 8,6 Prozent werden für den Stern vermeldet, minus 12,4 Prozent für den Focus. Das Segment der insbesondere gesellschaftspolitisch relevanten Wochenmagazine blutet offensichtlich aus und von Stern oder Focus sind mir nicht einmal Pläne für einen wie auch immer gearteten Paycontent bekannt.

Rote Zahlen fast überall und dennoch wird gedruckt, was die Maschinen hergeben, sind Bord- und Werbeexemplare, sind andere eher erlösschwache Kontingente nach wie vor das Mittel der Wahl. Über die hinter den Prozentwerten sich verbergende Zahlen aus Abo und EV hinaus werden gleich mal 193.983 (Spiegel), 316.038 (Stern) und 236.381 (Focus) Exemplare gedruckt, irgendwie unter die Leute gebracht. Interessant, dass der Spiegel -obwohl Auflagenspitzenreiter bei den hier genannten Zeitschriften- dennoch die wenigsten Schwundexemplare meldet.

Da wird wohl echt gespart; auf hohem Niveau ...


Tages- und Wochenzeitungen:

Bei den Tages- und Wochenzeitungen (ebenfalls Abo + EV) zeigt sich ein anderer Spitzenreiter in negativem Sinne: Der Springer-Verlag. Bild und Welt stürzen zweistellig (-10,4 bzw. -10,5 Prozent) ab und bei den Sonntagszeitungen aus dem gleichen Verlag sieht es nur ein wenig weniger schlecht aus (-6,8 bzw. -6,5 Prozent). Kein Problem wohl, denn der Verlag hat Geld, wurde erst kürzlich eine recht ordentliche Dividende vermeldet.

Dennoch, so ganz einsam ist Springer nicht auf der Verliererstraße. Die FAZ verliert 8,9 und selbst die taz noch 5,7 Prozent. Gerade die ehemals links-alternative taz, als Genossenschaftsmodell wohl nicht so deutlich der schnellen Abokündigung unterworfen, die taz macht nach meinem Eindruck und spätestens seit dem Frühjahr 2014 durch einen transatlantisch-bellizistischen, wahlweise einen strammen Anti-Putin, Pro-Ukraine Kurs auf sich aufmerksam. Das wird, das muss wohl Folgen haben, zumindest mittelfristig.

Die FAZ -nach Schirrmacher- scheint wieder zu ihren stramm konservativen Wurzeln zurückgekehrt, hat mit der FAZIT-Stiftung vorerst wohl noch genug Reserven, auch für weiter sinkende Auflagen. Monetäre Substanz auch für Experimente mit Bezahlinhalten. Dahingehend wird sie wohl zur SZ aufschließen wollen, die aktuell moderate 4,6 Prozent verliert, deren partieller Paywall seit März 2015 aktiv ist.

Das mit dem SZ-Bezahlsystem sieht dann beispielsweise so aus; und wie es denn zahlenmäßig läuft, darüber war bislang nichts Substantielles zu vernehmen. Ähnliches, eher nichts (dolles) ist auch über den dort im Payartikel ventilierten Blendle-Kiosk zu hören.

Aber Genaues weiß man nicht ...

Die Wochenzeitung ZEIT hält sich mit positiven 0,3 Prozent recht gut und nachdem es bei den letzten, wohl unvollständigen MEEDIA-Zahlen einige Irritationen in der Branche gab, so darf sich die Junge Freiheit über eine nun prompte Listung, mehr noch über 13,2 Prozent Zuwachs freuen. Als runner-up fungiert der Freitag, kann um 7,3 Prozent zulegen.

Über den in absoluten Zahlen geringen, prozentual dennoch starken Zuwachs bei der Jüdischen Allgemeinen (8,0 Prozent) kann man nur spekulieren. Möglicherweise hat es damit zu tun, dass zunehmend Menschen jüdischen Glaubens nach Deutschland kommen, aus dem ehemaligen Ostblock ebenso wie wohl auch aus Israel. Interessant und außerdem konträr zu dem von mancher Seite gern gemalten Schreckensbild, was den Antisemitismus hierzulande angeht.


Was in dieser Kategorie fehlt, das sind Zahlen zu der ebenfalls überregional aufgestellten Jungen Welt (JW). Aber möglicherweise liefert die JW und ganz bewußt keine Daten an das IVW.  Ebenso -und das bezieht sich auf den Bereich der Monatszeitschriften- fehlen die Zahlen zu dem Magazin Compact. Möglicherweise ebenfalls eine Strategie der Macher, wird dennoch in der Branche von einer stark gestiegenenAuflage, mittlerweile um die 80.000 gemunkelt.


Regionalzeitungen:

Nachgtragen, weil erst gestern nachmittag veröffentlicht, im Infokasten verlinkt sind die Daten der Regionalzeitungen. Ebenfalls rote Zahlen, soweit das Auge reicht, wenngleich zweistellige Verluste die Ausnahme sind.

Ein Beispiel -und dann eben doch mit zweistelligem Verlust, das sei der Berliner Tagesspiegel. Um 10,4 Prozent (Abo + EV) geht es dort abwärts.

Obwohl der Tagesspiegel über den Eigentümer Holtzbrinck mit der sich noch recht gut haltenden ZEIT verbunden ist, nach meinem Eindruck auch Inhalte geteilt werden, so kann die traditionsreiche Berliner Tageszeitung davon offensichtlich nicht profitieren.

Über die Ursachen der starken Verluste mag man trefflich spekulieren, ist aus meiner Sicht die zunehmende Verarmung weiter Kreise der Bevölkerung nicht ohne Belang. Das mag insgesamt für die Bundesrepublik gelten, doch gerade in den Ballungsgebieten des Ostens wird es besonders deutlich.

Interessant wären Untersuchungen dahingehend, aus welcher Klientel, welchen Einkommensschichten, welchen Wohnbezirken sich die Käufer zusammensetzen;

für den Tagesspiegel, die sog. Qualitätsmedien insgesamt.

 

Zusammenfassung und Wertung:

Aus der Distanz betrachtet ist bei den verbliebenen Überbringern einer gesellschaftspolitischen, einer politisch korrekten Relevanz wohl noch genug Substanz vorhanden, die nächsten zwei bis drei Jahre mit weiter sinkenden Auflagen zu überstehen. Über ihre Planungen oder gar Erfolge bei den allfälligen Paymodellen halten sich die Branchengrößen weiterhin bedeckt und ansonsten scheinen die verschiedene Formen der Querfinanzierung das Mittel der Wahl im Abstiegskampf.

Stiftungen, sog. Rechercheverbünde mit den finanziell gut aufgestellten Öffentlich-Rechtlichen oder auch schlichte, zum Bezahlen auffordernde Nag-Screens wie bei der taz bieten bzw. erzeugen wohl noch genug Substanz für ein moderates "weiter so". Das Totenglöckchen für die Großmedien wird wohl noch nicht so schnell erklingen.

Der Spiegel, das scheint mittlerweile deutlich zu werden, hat einerseits genug Substanz für großzügige Abfindungsmodelle, aber auch für neue Projekte. Andererseits ist das Gesellschaftermodell eher nur für gute Zeiten wirklich geeignet, haben die drei Akteure (Belegschaft, Gruner&Jahr, Augstein-Erben) aktuell ganz unterschiedliche Interessen. Wie bei den bereits gefledderten Mitbewerbern wird ein Outsourcing redaktioneller Arbeit bei reduzierter Belegschaft wohl zwangsläufig folgen, die Weiterverbreitung schnöder Agenturmeldungen zunehmen. Eine Art Abwärtsspirale, weil auch der bislang verbliebene Konsument seinen finanziellen Support dann einstellt.

Allerdings, ein direkter GEZ-ähnlicher Support der privaten Großmedien scheint momentan nicht auf der Agenda, ist eher als Last Resort zu verstehen, falls sich der anhaltende Aufschwung alternativer Medien nicht anders verhindern läßt. Wobei wir abschließend bei eben diesen, primär über das Internet sich artikulierenden Alternativen wären.

"Alternativ" meint hier und vorerst ohne Wertung eine inhaltliche Alternative. Also keine Krautreporter, keine Übermedien, kein alter Wein in neuen Schläuchen, der dieses "weiter so" lediglich umverpackt. Nur mit einer gehörigen Portion Naivität geschlagen wird man glauben wollen, dass die alternativen Medien weiter so sich entwickeln, gar mediale Parallelwelten schaffen können. Es wird mit Sicherheit technische, rechtliche und auch politische Rahmenbedingungen geben, welche den 200 Reichen (Paul Sethe) erneut zu weitgehender Deutungshoheit verhelfen sollen.

Insofern scheint mir hier die Crux, die Herausforderung zu liegen, was den sog. Medienwandel betrifft. Schnöde Betriebswirtschaft ist lediglich die eine Seite der Medaille; das Propagandamodell des Noam Chomsky die andere.

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Aktuelle IVW-Zahlen (Zeitschriften) via MEEDIA

Aktuelle IVW-Zahlen (Zeitungen)  via MEEDIA

Aktuelle IVW-Zahlen (Regional) via MEEDIA


Anmerkung:

Die genannten Daten sind die von den Verlagen gemeldeten. In wieweit diese Zahlen zu verifizieren sind, dies auch getan wird, darüber ist mir nichts bekannt.  Darüber hinaus fehlt jede Aufschlüsselung dahingehend, worin sich die teilweise erhebliche Differenz (absolut wie prozentual) zwischen Abo/EV und der insgesamt gedruckten Auflage begründet.