15 Jan 2017

Glaube, Wahrnehmung und der Mythos unserer Zeit

Submitted by Delloc

Glaube und Wahrnehmung beeinflussen sich gegenseitig. Ist die Wahrnehmung lückenhaft, dient der Glaube als Füllmaterial. Soll der Glaube Wahrheit beanspruchen, wird die Wahrnehmung unbewusst auf jene Perspektiven und Erfahrungen begrenzt, die widerspruchsfrei die Inhalte des Glaubens bestätigen.

Glaube kann durch Bewusstsein hinterfragt und verändert werden. Wahrnehmung ist an die Sinnesorgane gebunden, kann sich aber durch Erfahrung verfeinern. Dabei wird sich jene Wahrnehmung optimal entwickeln, die über gesunde Sinneskanäle verfügt und durch Glaubensinhalte minimal eingeschränkt ist. "Glaubensinhalt" definiert sich nicht nur kognitiv, sondern beinhaltet auch emotional besetzte Muster, die meistens unbewusst wirksam sind. Insofern basieren auch individuelle Tranceformen wie Altersregression, Amnesie oder Dissoziation auf Glaubensinhalten, die zumeist durch frühkindliche Traumata entstanden sind.

Die Charakterisierung einer formaldemokratischen Gesellschaft als „offene Gesellschaft“ ist insofern eine entstellende Beschreibung. Weil nicht der Freiheitsgrad, zu glauben (und zu äußern), was man will, das Prädikat „offen“ ausmacht, sondern ein Minimum unbewusster Glaubensinhalte, die die Wahrnehmung perspektivisch einschränken.

Die derzeitige Reduktion der Perspektiven in Politik, Medien und Wissenschaft sind logischerweise die Folge der Wirksamkeit unbewusster Glaubensinhalte. Dabei scheinen unbewusste Glaubensinhalte vor allem dort aktiv zu sein, wo diese reduzierte Wahrnehmung durch massive Propaganda und diktatorische Maßnahmen erzwungen wird.

Um diesen Zusammenhang zu vertuschen oder zumindest zu verharmlosen, wird das Etikett  „natürlicher Interessen“ in die Debatte geworfen. Ideologisch eine Meisterleistung, Propaganda vom Feinsten!

„Interesse“ (lat. „Dazwischensein“) bezeichnet eine Anteilnahme, ohne dass ein unmittelbarer Zweck die Art der Beziehung bestimmen würde. Man kann sich für etwas interessieren, ohne eine bewusste Absicht zu verfolgen oder einen bestimmten Nutzen daraus zu ziehen. Trotzdem gibt es „natürlich“ einen Grund für das Interesse, wenn der Wechsel von Gleichgültigkeit zu Aufmerksamkeit stattfindet.

Wenn allerdings geopolitische Militärstrategien (Kriege, Destabilisierung durch Bürgerkriege, Nato-Osterweiterung) sowie Wirtschaftsboykotte (Kuba, Iran, Russland) und Aufrüstungsinvestitionen als „natürliche Interessenvertretung“ bezeichnet werden, dann wird mit dieser Irreführung der eigentlich Zweck aus dem Fokus der Aufmerksamkeit gezerrt und getilgt: nämlich die privaten Macht- und Bereicherungsziele einer kleinen Oligarchen-Gruppe von Profitgeiern. Dass diese Gruppe inzwischen den gefährlichsten und mächtigsten Staat auf diesem Planeten regiert, mag die Brisanz verdeutlichen, mit der die derzeitige mediale und politische Propaganda überhitzt.

Trotzdem bleibt natürlich die Frage, warum sich die Mächtigsten der Mächtigen ihre Glaubensinhalte nicht bewusst machen?

Warum vergötzen sie stattdessen ihre eigenen Hirngespinste und kreieren einen Mythos, dem sie nur  per Gehirnwäsche und stetig anwachsenden Gewaltmaßnahmen Geltung verschaffen können?

Warum sehen sie nicht, dass ihre psychopathologischen Störungen uns alle (sie eingeschlossen) umbringen werden, wenn man ihnen nicht Einhalt gebietet?

Die Antwort gibt uns die Psychologie:

"The Trick of the Psychopath’s Trade: Make Us Believe that Evil Comes from Others." (Kevin Barrett)

Durch eine Art von Besessenheit, permanent mögliche Gefahrenquellen auf die Umwelt zu projizieren, entsteht der Glaube der Psychopathen. Indem sie die Welt mit eigenen Misstrauens-Projektionen bombardieren, wird der Austausch mit dem Leben minimiert und auf „Sicherheitskonzepte“ gelenkt, die zudem die eigenen Investitionen profitabel machen.

Bei Lanz beschreibt Nahostexperte Lüders dass der 15 Jahre andauernde Anti-Terrorkampf plus Invasionen bewirkt haben, dass sich die Zahl der radikalen Islamisten inzwischen vervielfacht hat.

https://www.youtube.com/watch?v=L3HQihkfNw0

So entspricht die Welt nach und nach dem Bild der Psychopathen, indem sie sie nach ihren Albträumen umgestalten.

„Unser Wahlspruch muss also sein: Reform des Bewusstseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewusstseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, dass die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um sie wirklich zu besitzen. Es wird sich zeigen, dass es sich nicht um einen großen Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft handelt, sondern um die Vollziehung der Gedanken der Vergangenheit. Es wird sich endlich zeigen, dass die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewusstsein ihre alte Arbeit zustande bringt.“ Karl Marx, Briefe aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern (1843/44), in: MEW, Bd. 1, Berlin (DDR) 1976, S. 346.

Kommentare

Bild des Benutzers Heinz

»Ist die Wahrnehmung lückenhaft, dient der Glaube als Füllmaterial.«

Das ist als Hypothese zulässig; allerdings verwechseln viele das und nehmen ihren Glauben als Wahrheit – besonders geisteswissenschaftlich orientierte Typen.

Darum das Gebet:

»Gib mir die Gelassenheit, Dinge zu lassen, die ich nicht ändern kann.

Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann.

Gib mir die Einsicht, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.«

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viele … nehmen ihren Glauben als Wahrheit…Darum das Gebet: „Gib mir die Gelassenheit, Dinge zu lassen, die ich nicht ändern kann. Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Gib mir die Einsicht, das Eine vom Anderen zu unterscheiden.“

Das bezieht die Unterscheidung von Glauben und Wahrheit zwar nicht auf Erkenntnis, sondern nur auf die Macht- und Ohnmachtsfrage in praktischen Zusammenhängen, ist aber trotzdem ein schönes Gebet. Sofern Gebete überhaupt schön sind, wenn sie um etwas bitten - aus der Überzeugung heraus, dass die eigenen vorhandenen Ressourcen nicht ausreichen.

Erkenntnis dagegen, die auf der Unterscheidung von Glauben und Wahrheit basiert, wird immer zweifelsfrei das tun, was zu tun ist. 

Bild des Benutzers Heinz

Ich nehme das Gebet eher als Warnung, weil die Unterscheidung zwischen Wahrnehmung und Glaube unscharf ist. Wahrnehmung ist eine stark sozial geprägte Fähigkeit. Folglich ist auch die (individuelle) Erkenntnis unscharf, die selbst in der Naturwissenschaft zu Fehlurteilen führt – von der dafür sehr viel anfälligeren Geisteswissenschaft mal ganz abgesehen.

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„… weil die Unterscheidung zwischen Wahrnehmung und Glaube unscharf ist. Wahrnehmung ist eine stark sozial geprägte Fähigkeit. Folglich ist auch die (individuelle) Erkenntnis unscharf, die selbst in der Naturwissenschaft zu Fehlurteilen führt – von der dafür sehr viel anfälligeren Geisteswissenschaft mal ganz abgesehen.“

Oh, die Unterscheidung zwischen Wahrnehmen und Glauben ist für geübte Geister messerscharf. Unsauber werden Wahrnehmungen erst, wenn das Ich mit seinen Interessen ins Spiel kommt. Goethe wusste schon: „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“

Ja, und auch das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis manipuliert die Wahrnehmung extrem, unabhängig von der Fakultät.

Reine Wahrnehmung ist eh nur in meditativer Entspanntheit möglich, wenn der Geist sozusagen sich selbst begegnet und sich als Wissen des Wissens erkennt und bezeugt.

das bewusstsein, in einer kriegsgesellschaft zu leben, ist nicht sehr verbreitet. noch weniger das bewusstsein, bereits seit jahrtausenden in der kriegsgesellschaft zu leben. am allerwenigsten das bewusstsein, was diese erkenntnis für die zukunft der kriegsgesellschaft bedeutet.
in welchem unterricht lernen die schüler/innen, dass seit zehntausend jahren die effizienz der kriegführung verbessert wurde, mithin die mordrate erhöht? das zu ende denken könnten die schüler/innen selbst.

Bild des Benutzers Delloc

„… das bewusstsein, bereits seit jahrtausenden in der kriegsgesellschaft zu leben…“

M. E. ist das eine unzulässige Verallgemeinerung.

In meinem Geschichtsbild sind auch Gesellschaften enthalten, die sowohl friedlich miteinander als auch im Umgang mit ihren Nachbarn gelebt haben.

Der Ursprung psychopathologischer Symptome ist dagegen in unterschiedlichen Krisenmomenten und spezifischen Glaubensinhalten zu erkennen:

  • Herausbildung von Parallelgesellschaften (Priester- und Adelskaste, Königtum)
  • Naturkatastrophen bei sesshaften Völkern, aufgrund von Monokulturen und niedrigen Produktivitätsraten
  • Zerstörung natürlicher Landschaften durch Ackerbau und Viehzucht
  • Sklavenhaltung und feudale Frondienste als lukrative Einkommensquelle
  • Elitäre religiöse und rassistische Ideologien
  • Rechts- und Ordnungskonzepte, die die Macht der Herrschenden festigen
  • Und last not least die Ideologie des Kapitals als „sich selbst verwertender Wert“.

Alle Kriege sind immer aufgrund dieser oder anderer Krisen und Hirngespinste zuerst in den Köpfen der jeweils Mächtigen gedacht worden, bevor sie dann von irgendwelchen „Kriegsknechten“ mit dem Einsatz und Verlust ihres Lebens blutig ausgeführt wurden.

Die jeweiligen historischen Ursachen kann man aus meiner Sicht nicht einfach weglassen.

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ach helder,

ich wünschte du hättest recht. noch immer habe ich nicht verarbeitet, dass mir ein leistungskurs (!) vor einigen monaten sagte, ich sei naiv, weil ich mich als pazifistin zu erkennen gab. man klärte mich auf, dass es menschen gäbe, die eben an frieden nicht interessiert seien und deswegen müssen wir uns mit waffen wehren.das sagen mir die jungen menschen in vollem brustton der überzeugung. mein stolz ist nicht verletzt, nur mein gefühl, etwas nicht richtig vermitteln zu können. dennoch hoffe ich, dass meine gedankensaat irgendwann aufgehen wird. ganz überrascht bin ich nicht, weil z.b. die jungen sozialwissenschaftler-kollegen  dieselbe anschauung vertreten.aber es lässt mich nicht los...beste grüße!

Bild des Benutzers h.yuren

liebe roswitha,

bin überrascht, dich hier im turbulenten termitenbau anzutreffen. du weißt wie ich, dass es die hinterweltler gibt, die dem frieden dienen wollen und ihn verteidigen möchten, wenn auch alles dagegen spricht und anfeindungen sich besonders gegen pazifisten richten.

mein beispiel für einen pazifisten, der zugleich ein kämpferischer mensch war, ist george fox. er predigte zum beispiel die gleichheit aller menschen und machte sich schon dadurch bei den herrschenden und machtkranken sehr unbeliebt, klar, bei den leuten, die für die bestehenden ungleichheiten sind und davon profitieren.

wer keine harten interessen verfolgt wie parteiziele, religionsdogmen oder konzernziele, wer also unbehelligt von anfeindungen das leben aller lebewesen bestaunt und interessant findet, wer freunde hat, wer kinder hat, wer ganz andere interessen hat, ist pazifist/in. freunde, die nicht verbunden und verbündet sind gegen andere, sind pazifisten und können es sein, bis die anderen sie entdecken und verfolgen.

wenn ich sage, dass wir seit jahrtausenden schon in kriegsgesellschaften leben, zeige ich auf das treiben der oberungleichen, deren sinn nach randale, nach ruhm, nach sensationen steht. schiller sprach von den teilmenschen, aber nicht im sinne des aristophanes im symposion platons, sondern als ausdruck des unglücks, der mängel, die nicht ausgleichbar sind.

als vor vielen jahrtausenden der mensch pflanzen und tiere zu nutzpflanzen und nutztieren zu gebrauchen angefangen hatte, war es eine frage der analogen sogenannten fortschrittsbewegung, dass nach pflanze und tier endlich auch der mensch zum nützling gemacht wurde, zum sklaven. das war der schritt zu allen folgenden sog. fortschritten. die spätere nutzung von maschinen baute schon auf dem ersten wesentlichen fortschritt auf, der ein krieg des menschen gegen den menschen war. voraussetzung war ursprünglich die verdichtung der menschlichen gruppen in festen siedlungen.

zuerst bekämpften und beuteten sich nur kleine gruppen aus, die in dörfen lebten. die sesshaftigkeit war der not gehorchend entstanden.

kriege folgten mit der vergrößerung der gemeinwesen und entsprechender mittel, sprich: waffen und techniken.

heute sind die kriege und feindschaften geostrategisch ins globale gewachsen. die mordrate ist von jahrtausend zu jahrtausend gestiegen. aber die fluchtwege, die es in der vergangenheit noch gab, sind alle abgeschnitten. pazifisten bilden eine minderheit, die aber an den maßstäben der freundschaft, der mütterlichkeit und der brüderlichkeit festhält. gegen alle hetzerische parteilichkeit. 

herzlich

helder

Bild des Benutzers Roswitha

ja, lieber helder, das sind aufbauende worte...bei den termiten halte ich mich immer wieder auf, ich bräuchte aber viel mehr zeit; meistens schaue ich herein, wenn ich zu hause krank bin...

es hilft, sich immer wieder gegenseitig zu ermutigen...deswegen beschäftige ich mich im moment auch mit tolstoi und...den rabenkrähen.

herzlich, elke

Bild des Benutzers h.yuren

liebe roswitha,

ich will hoffen, dass es dir im moment besser geht und du nicht hier zu den termiten kommst, weil krankheit dir zeit gibt.

aber nun musst du mir verraten, was zwischen tolstoi und den rabenkrähen das verbindende ist.

zuerst die frage, tolstoj in welcher lebensphase. ich bin ganz ehrlich, wenn ich sage, seine großen werke der weltliteratur haben

mich nicht begeistert. hab sie gelesen, weil sie russisch waren und eben weltliteratur. beim späten toltoj fühlte ich mich besser

aufgehoben. er legte ja einen salto hin und war dann ein anderer. stand quer nicht nur zu staat und kirche, sondern auch zu sich selbst.

heute habe ich krahs wieder mal von nahe gesehn. sie wissen, dass es futter geben könnte, wenn ich die schwäne füttere, die mich

schon von weitem erkennen und notfalls mit ihren großen schlappen übers eis zu mir latschen.

krahs fliegen heran und achten genau darauf, ob und wohin ich eine scheibe toastbrot werfe. ich bewege mich dann zwischen schwarz und weiß. bin von beiden fliegern fasziniert. neulich sah ich die schwäne, ein paar, parallel zur straße die ich entlangfuhr, im flug nebeneinander. das sieht für mein empfinden noch schöner aus als der eiskunstpaarlauf.

und wenn die krahs nah an mir vorüberfliegen, beglückt mich der anblick des flügelns. das kann ich nicht erklären. aber es ist so.

und darum geh ich jetzt im winter jeden tag zu den weißen und schwarzen fliegern nach draußen.  bring den fliegern etwas in der not und hole mir etwas ohne not.

herzlich

helder

Bild des Benutzers Roswitha

lieber helder, noch immer angekränkelt, deswegen zeit. mir geht es gesundheitlich nicht so gut, aber das macht nichts.

vor jahren fand ich in bbc "the secret to a happy life" von tolstoj. das habe ich zu silvester meinen freunden serviert, da ich die ideen dahinter überzeugend fand (z.b. jeder sollte mit den händen arbeiten, man sollte lernen, die eigenen widersprüche zu ertragen usw. ); war ein sinnvolles gesprächsangebot. aufgrund dieses silvesterthemas bestellte ich mir die biografie von philipp witkop, die mich aber nicht zufriedenstellte. aber die vielen zitate tolstojs haben mich doch berührt, jetzt liegt die sehr umfangreiche biografie von a.n. wilson hier, die viel aufschlussreicher scheint. seine werke, die großen, habe ich nicht gelesen, immer nur kürzere geschichten. bin auch froh, denn anna karenina werde ich anders lesen können, wenn ich seinen lebenshintergrund kenne.- das ist zufall, dass die rabenkrähen gleichzeitig meine aufmerksamkeit haben. dadurch ist mir ein teil der tierwelt aufgeschlossen worden, den ich so nicht kannte.

vor schwänen habe ich nur respekt, aufgrund negativer erfahrungen. schwanenmutter werd ich keine, aber rabenmutter schon...

jetzt brauch ich schon eine verschnaufspause.

herzliche grüße, elke

Bild des Benutzers h.yuren

liebe roswitha,

erstmal herzlichen dank für deine antwort, obwohl du noch krank bist, und gute besserung!

mein favorit unter den großen russischen literaturhelden war dostojewski, nicht tolstoj. ersterer schrieb aus eigener erfahrung, um nicht zu sagen aus eigenem leiden mehr und verständlicher über leiden und krankheit.

wo du erwähnst die betonung handwerklicher tätigkeit, fällt mir die wirkung tolstoijs auf gandhi in seinen farmprojekten ein.

wenn man den faden an der richtigen stelle aufnimmt, kann man den ganzen pullover der eminent people aufribbeln.

wenn ich hinaussehe, ist das bild draußen schwarzweiß. das ist ein umfeld sowohl für schwäne wie raben, sich darin zu verstecken mit ihren schwarz oder weiß.

mein nachbar theo, den du vom rabentagebuch kennst, nennt mich schon schwanenvater. nur weil ich in diesem winter regelmäßig zu den tieren gehe, die es dieses mal schwerer haben als in den vergangenen jahren. der schwanerich lässt mich viel näher an sich heran als die schwänin. übrigens ist mir angenehm aufgefallen beim füttern, dass es unter den beiden keinerlei aggressivität gibt. auch wenn nur ein stück brot zwischen ihnen auf dem wasser schwimmt. sie teilen einfach, was es gibt.

wenn aber ein krah nah an mir vorbeifliegt, kann ich das besonders genießen, weil ich irgendwie mitfliege...  das spüre ich.

nu werd du mal wieder ganz gesund, dass du nach dem abräumen des schnees den beginnenden frühling genießen kannst. und ich muss unbedingt die nistkästen wieder aufhängen. aber der schnee bedeutet für alle erstmal pause.

herzlich

helder

 

Bild des Benutzers Uwe Theel

Die zu Deiner Eingangsthese "Glaube und Wahrnehmung beeinflussen sich gegenseitig. Ist die Wahrnehmung lückenhaft, dient der Glaube als Füllmaterial. Soll der Glaube Wahrheit beanspruchen, wird die Wahrnehmung unbewusst auf jene Perspektiven und Erfahrungen begrenzt, die widerspruchsfrei die Inhalte des Glaubens bestätigen." gemachten Ausführungen erschienen mir durchaus erhellend, wenn mir die These auch zu verkürzter Argumentation einzuladen scheint:

Zunächst: Sowohl Wahrnehmung als auch Glaube sind per Humanum begrenzt. Wahrheit ist außer im totalen Weltuntergang (bei energetischem Übergang in etwas ganz anderes, so Hegel und Heisenberg die zuließen) ist immer nur historisch transient. Von den "letzten Wahrheiten" die in der "letzten" Untröstlichkeit vielleicht trösten können, sei hier nicht gesprochen.

Wenn Heinz - So, 15/01/2017 - 11:56 in diesem Zusammenhang wieder das alte naturwisenschaftliche Vorturteil gegenüber den geisteswissenschaften ins Feld führt, ist es wieder genausowenig tragfähig.

Es ist die Art (heißt auch Kunst) des Menschen, neugierig - nicht herrschaftssüchtig - zu sein und zu eründen "was die Welt im Innersten zusammenhält" (Goethe). Seine eigene Endlichkeit, die gegen die Unendlichkeit des Universums, dessen wahrscheinlich ewiges Sein steht, setzt ihm historische, nicht aber erkenntnistheoretische Grenzen. - Das Sein bestimmt das Bewußsein (Marx)

Bild des Benutzers Delloc

„Seine eigene Endlichkeit, die gegen die Unendlichkeit des Universums, dessen wahrscheinlich ewiges Sein steht, setzt ihm historische, nicht aber erkenntnistheoretische Grenzen.“

In der Wissenschaft von heute gibt es dazu unterschiedliche Perspektiven. Z.B. das “Quantum-Messungs-Paradoxon”, zu dem der Nobelpreis-Physiker Eugene Wigner wiederholt schrieb, dass das Universale Bewusstsein die Wurzel des „Problems“ sei. Schließlich bestehe unser Gehirn aus Atomen und Elementarteilchen, die ihrerseits das Ergebnis einer Möglichkeitswelle sind. Wie also sollte ein Gehirn, das aus Atomen und Elementarteilchen besteht, eine Möglichkeitswelle umwandeln können, aus der es selber hervorgegangen ist?

Aus dieser Sichtweise ist das Universale Bewusstsein der einzige Urgrund des Seins und alle beobachtbaren Phänomene nur Erscheinungsformen von Möglichkeitswellen, in die der menschliche Beobachter und seine Beobachtungen mit eingeschlossen sind.

Die Neue Physik hat eine Reihe von möglichen konzeptionellen Strategien aus diesen Erkenntnissen (z.B. EPR-Effekt, Bells Theorem) entwickelt. Nick Herbert beschreibt in seinem Buch Quantum Reality - Beyond the New Physics, acht mögliche Interpretationen des aktuellen Erkenntnisstands:

-           es gibt keine zugrundeliegende Realität

-           Realität ist durch Beobachtung geschaffen

-           Realität ist eine ungeteilte Ganzheit

-           es gibt tatsächlich viele Welten

-           die Welt gehorcht einer nicht-menschlichen Art der Denkweise

-           die Welt besteht aus gewöhnlichen Objekten

-           Bewusstsein schafft Realität

-           ungemessene Quanten-Realität existiert nur potenziell.

Jede dieser Interpretationen erzeugt ihre eigenen Paradoxa. Für viele ein schwerer Schlag, erkennen zu müssen, dass der homo sapiens, die „Krone der Schöpfung“, zu keiner dauerhaft gesicherten Wahrnehmung fähig ist. Der Glaube an die „klassische“ Kausalität kann lediglich auf einer statistischen Ebene aufrecht erhalten werden, wenn aus vielen Beobachtungen ein Durchschnitt gebildet wird. Das einzelne lebendige Ereignis kann aber radikal von der statistischen Prognose abweichen.

Schopenhauer bemerkte zum Verhältnis von Denken und Materie:

„Der Grundfehler aller Systeme ist das Verkennen dieser Wahrheit, dass der Intellekt und die Materie Korrelata sind, d. h. eines nur für das andere da ist, beide miteinander stehen und fallen, eines nur der Reflex des anderen ist, ja, dass sie eigentlich eines und dasselbe sind, von zwei entgegengesetzten Seiten betrachtet.“

Unsere Wahrnehmung hat offenbar ebenfalls die Fähigkeit, wahlweise einen mehr oder weniger „breiten“ Bereich aus dem Spektrum aller Möglichkeiten des Multiversums herauszufiltern (da es sich hierbei um ein kontinuierliches Spektrum und nicht um eine Ansammlung scharf voneinander abgegrenzter Einzelrealitäten handelt). Je nach eingestellter „Bandbreite“ nehmen wir entweder eine Überlagerung möglicher Zustände oder einen einzelnen Zustand wahr (wobei der Übergang hier stufenlos ist, denn auch eine sehr genaue Beobachtung enthält im Normalfall immer noch einen kleinen Rest Unschärfe).

Das entscheidende Kriterium dafür, wie sich die Bandbreite des Wahrnehmungsfilters einstellt, scheint die Widerspruchsfreiheit zu sein - unsere Wahrnehmung hat offenbar eine integrierte Logik, die es ihr verbietet, bestimmte Kombinationen von Zuständen gleichzeitig wahrzunehmen (eben solche, die uns widersprüchlich erscheinen, beispielsweise dass eine Münze Kopf und Zahl zeigt). Nach der Viele-Welten-Deutung der Quantentheorie muss, sobald eine Beobachtung stattfindet, bei der der Beobachter von der Quantenwahrscheinlichkeit her mehrere sich widersprechende Zustände beobachten könnte, zwangsläufig eine Aufspaltung seiner Realität stattfinden, so dass jede Instanz des Beobachters nur einen der möglichen Zustände in einem widerspruchsfreien Zusammenhang beobachten kann. (Ob jede dieser Instanzen des Beobachters „gleich real“ ist oder nicht, müssen wir dabei offen lassen.)

Bewusstsein ist allerdings in der Lage, aus jeder Möglichkeit eine Wirklichkeit zu gestalten, weil Bewusstsein nicht aus Materie besteht, sondern transzendent ist. Insofern ist dein Marx-Zitat „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ nicht mechanistisch oder deterministisch zu interpretieren.

Wir sind tatsächlich die Schöpfer unserer eigenen Wirklichkeit. Die Welt, die wir erleben, entsteht erst durch unsere Wahrnehmung, die aus dem gigantischen Spektrum aller Möglichkeiten eine bestimmte, mehr oder weniger scharf abgegrenzte Realität herausfiltert.

Die Anforderungen an eine widerspruchsfreie Realität und damit zur Einstellung der „Wahrnehmungsbandbreite“ müssen dabei nicht zwangsläufig für jeden Beobachter dieselben sein. Die Welt wird ja nicht nur von Menschen, sondern auch von anderen, mehr oder weniger intelligenten Lebewesen beobachtet.

Die Kriterien für die Widerspruchsfreiheit unserer Realität sind sicherlich nicht alle biologisch determiniert, sondern in großen Teilen vom persönlichen und kulturellen Hintergrund eines Menschen sowie dem Entwicklungsstand seines Bewusstseins abhängig. Zahlreiche „abnorme“ Wahrnehmungsphänomene (ein wissenschaftlicheres und weniger wertendes Attribut wäre „paranormal“), die in unserer Kultur gemeinhin entweder als erfundene Geschichten oder als Halluzinationen abgetan werden, müssten vor diesem Hintergrund neu bewertet werden.

Zusammenfassend erscheinen die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten als unendliche Bewusstseinsformen durchaus unendlich zu sein. Doch dieser Schein trügt, weil das „Auge sich nicht selber sehen kann“. Doch die vermeintliche Grenzenlosigkeit mag auch die Quelle unserer Überheblichkeit sein.

Bild des Benutzers Uwe Theel

Lieber Delloc,

da habe ich aber nun mindestens einen Semesterlektüreplan zum Thema Wahrheit und freier Wille und diese Einschätzung drückt bei mir nur sich zu geistiger Arbeit angeregt fühlen, nicht falsche Kritik an angeblicher Überheblichkeit auf Deiner Seite aus - Danke.

Diskutieren kann ich das und zu so später Stunde (heute) nicht (mehr), aber ich will doch meinen Eindruck mitteilen, dass wir beide uns in der Bestimmung dessen, was  menschliche Begrenztheit und Unendlichkeit im Hinblick auf neugierige Wahrnehmung, Erkenntnis und schließlich Wahrheit auf einer materialistischen Basis der Kritik und ohne Verachtung von Philosophie und Geisteswiissenschaft gar nicht so sehr unterscheiden. Verbleibende Unterschiede herauszuarbeiten würde diesen Blog auf jeden Fall sprengen.

MfG

Uwe Theel

Bild des Benutzers Roswitha

Hallo Delloc, zwei Fragen: Sind die Psychopathen an ihrer Unfähigkeit, sich selber zu erkennen, selber schuld?

                                         Wenn Wahrheit und richtige, gesunde Wahrnehmung zusammenhängen, woher kommen die Kräfte die dies verhindern?

Das ist keine intellektuelle Frage. Sie quält mich schon lange. Wehe, du gibst keine mir hilfreiche Antwort. :-) Beste Grüße.

Bild des Benutzers Delloc

„Sind die Psychopathen an ihrer Unfähigkeit, sich selber zu erkennen, selber schuld?“

Nein! Aber nicht nur deshalb, weil „Schuld“ auf einer reduzierten Perspektive basiert, die eigenmächtig bewertet wird.

Die Psyche jedes Menschen ist das Spiegelbild seiner individuellen Interaktionen. Dabei sind alternative Interpretationsräume und Reaktionsmuster viel kleiner als uns das Lied „Die Gedanken sind frei…“ weismachen will. Nach den frühkindlichen Traumatisierungen organisieren sich im weiteren Verlauf des Lebens ganze Gebirgsketten darauf aufbauender Lügengebäude, irritierender Wahrnehmungsmanipulationen und fragmentarischer Weltanschauungen. Dabei haben diese mehr und mehr verfestigten Programme zum Ziel, das jeweilige individuelle Urtrauma mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln abzuwehren und die damit verbundenen Ängste klein zu halten oder ganz zu vermeiden. Die Ängste des Urtraumas sind der Todesangst vergleichbar. Daher rührt überhaupt die Kraft und Gewalt, mit der die Psyche sich permanent benebelt, belügt und zu perversen Sublimierungen greift.

„Wenn Wahrheit und richtige, gesunde Wahrnehmung zusammenhängen, woher kommen die Kräfte die dies verhindern?“

Das Urtrauma entsteht mit der plötzlichen Erfahrung des Ich-Bewusstseins und dem Verlust von Geborgenheit und Einssein. Von einem Moment zum andern verändert sich die Situation. Fühlte sich das Kind gerade noch verbunden mit den Bezugspersonen und der Umgebung, sicher, geborgen und geliebt, zerbricht diese Illusion von einem Moment zum nächsten.

Der Verlust von Liebe ist natürlich abhängig von den individuellen Erfahrungen, mit welcher Intensität und Häufigkeit die ursprüngliche Harmonie beeinflusst, unterbrochen und beeinträchtigt wird. Das Gefühl des Getrenntseins aufgrund der Erfahrung von Dualität ist jedoch ein Fakt, der für alle gleich ist,  auch wenn die individuellen Konsequenzen unterschiedlich sind.

Aber es wird nun viel stärker unterschieden zwischen der Welt und dem Ich. Und im kreativen Bewusstsein werden Antworten des Verstehens und der Bewältigung gesucht. Gleichzeitig wird jetzt eine viel stärkere Identifikation mit dem eigenen Körper entwickelt und natürliche Überlebensmechanismen werden benutzt, um das entstandene Chaos des Seinsverlustes zu organisieren. Mit Seinsverlust ist gemeint, dass die Ruhe des einfachen Seins plötzlich überflutet wird durch Gefühle und Gedanken, denen sich das Kind stellen muss, um sie zu verkraften.

Gleichzeitig wird der Boden für eine weitere Illusion bereitet:

Die Illusion der Vertreibung aus dem Paradies, der Verlust der Nicht-Dualität. Die Vertreibung aus dem Paradies (das Sehenwollen) entspricht der natürlichen Situation des Kindes, dem Ruf des Lebens zu folgen und sich auf die Suche nach dem Selbst zu begeben, das plötzlich nicht mehr existierte. Dabei wird es durch die natürlichen Sinnesorgane und familiäre Abhängigkeiten zunächst verführt, dieses Selbst im Außen zu suchen.

Hinzu kommt, dass der Glaube an den Verlust dieses essenziellen Seins ein nagendes Loch hinterlässt, das psychologisch wie ein Trauma wirkt und schwerwiegende Konsequenzen hat. Jede Form von Mangelgefühl bringt diesen vermeintlichen Verlust zum Ausdruck.

Im schlechtesten Fall sucht die Persönlichkeit ihr Leben lang erfolglos nach der verloren geglaubten Essenz und verteidigt zusätzlich diese äußere Suche unentwegt. Mit Verteidigen ist gemeint:

Wir spüren diesen Verlust, doch anstatt ihn zuzulassen und zu spüren, versuchen wir die Leere des Verlustes zu füllen. Um die Leere zu füllen, konzentrieren wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas außerhalb von uns, das wir haben wollen. Füllen statt fühlen...

Oder wir versuchen, den Verlust zu verwinden, indem wir zwanghaft denken, ein anderer würde uns dazu verhelfen, uns wieder gut zu fühlen, wieder heil und ganz zu werden.

Oder wir suchen einen spirituellen Lehrer, der uns mit dem Geheimnis unseres Verlustes vertraut macht.

Oder vielleicht konzentrieren wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf andere in dem Versuch, sie unseren Verlust spüren zu lassen, usw. usf..

Der Kreativität unserer Aufmerksamkeitsstrategien sind keinerlei Grenzen gesetzt. Es gibt vielfältigste Motivationsstrukturen, von denen Menschen angetrieben werden, um vermeintliche Mangelgefühle zu kompensieren. Gefühle von Unvollkommenheit, Minderwertigkeit, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Versagensangst, Bedeutungslosigkeit, Einsamkeit, Macht- und Lieblosigkeit sind die vorherrschenden  Kräfte, die zumeist unbewusst das Karussell illusionärer Schattenkämpfe in Schwung halten.

Eine lange Antwort… und noch viel zu kurz… aber vielleicht hilfreich?! smiley

Bild des Benutzers Roswitha

Vielen Dank für die Fülle der Überlegungen, Delloc. War natürlich hilfreich, weil nachdenkenswert. Fast überall möchte ich dir zustimmen.

Habe ich dich richtig verstanden, wenn ich deinen Ausführungen entnehme, dass wir gar nicht aus dem Paradies vertrieben wurden? Ferner:  Steckt hinter der Formulierung "die Ruhe des einfachen Seins" viel mehr, als diese einfachen Worte hergeben?

Und letzte Frage:

"Im schlechtesten Fall sucht die Persönlichkeit ihr Leben lang erfolglos nach der verloren geglaubten Essenz und verteidigt zusätzlich diese äußere Suche unentwegt. Mit Verteidigen ist gemeint:..." schreibst du. Ich würde gerne wissen, wie der Gedankeninhalt weiterginge, wenn er begänne mit "Im besten Fall..."

Zuguterletzt noch eine einfache Frage: Was hat uns denn vermeintlich aus dem Paradies vertrieben? Herzlichen Gruß!

Bild des Benutzers Delloc

„Habe ich dich richtig verstanden, wenn ich deinen Ausführungen entnehme, dass wir gar nicht aus dem Paradies vertrieben wurden? … Was hat uns denn vermeintlich aus dem Paradies vertrieben?“

Ja, die Geschichte von der vermeintlichen Vertreibung aus dem Paradies wird oft verkürzt und verfälscht. Das Verbot betrifft nämlich gar nicht den „Baum der Erkenntnis“. Im Gegenteil. In der Botschaft aus dem Thomas-Evangelium heißt es: „Wenn ihr euch erkennt, dann werdet ihr erkannt werden; und ihr werdet wissen, dass ihr die Kinder des lebendigen Vaters seid. Wenn ihr euch aber nicht erkennt, seid ihr in Armut, und ihr seid die Armut." (Vers 3)

Sich zu erkennen (Selbsterkenntnis), ist also keine „Sünde“, sondern wünschenswerte Voraussetzung für die beiderseitig bezeugte familiale Beziehung zum „lebendigen Vater“.

Der Fehler liegt in der Verkürzung „Baum der Erkenntnis“! Denn im 1. Buch Moses, Kapitel 2, Vers 16f. heißt es: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.“

Wie sich die „Erkenntnis von Gut und Böse“ in der individuellen Psyche auswirkt, verdanken wir vor allem den Forschungen Sigmund Freuds. In seiner Psychoanalyse hat er fundiert die unbewussten Anteile des „Über-Ich“ entschlüsselt, in denen die moralischen Werte der Bezugspersonen – normalerweise die Eltern – verinnerlicht werden und ein ganzes Leben lang das Kind beschäftigen und dirigieren.

So entsteht und wirkt das Thema der Elterngeneration in den Kindern als karmisches Prinzip fort, ohne dass dies den Beteiligten auch nur ansatzweise bewusst ist. Daraus mag auch erklärlich sein, warum konservative Politiker die Erziehung so weit wie möglich im Einfluss der Kleinfamilie belassen wollen, während z. B. „Die Violetten“ (eine spirituell orientierte Partei) als vorrangige Bildungsziele „die Fähigkeit zu Selbsterkenntnis und Selbstreflexion, die Steigerung der Sensibilität und des Gewahrseins, des Verständnisses und Mitgefühls, der Akzeptanz und der Wertschätzung allen Lebens“ definieren.

Die „Erkenntnis von Gut und Böse“ spielt auch in der ganz normalen Art und Weise der Wahrnehmung ein bedeutsame Rolle, die folgendermaßen abläuft.

1. Da ist eine Wahrnehmung. (Impuls)

2. Die Wahrnehmung wird von einem Teil des Gehirns registriert.

3. Die Wahrnehmung wird durch Vergleich mit dem Erfahrungsspeicher gedeutet und bekommt ein Etikett (Freude, Traurigkeit, Ekel usw.).

4. Ein anderer Teil des Gehirns beurteilt die Erfahrung: „Traurigkeit = schlecht“ oder „Freude = gut“.

5. Wieder ein anderer Teil des Gehirns zieht den Schluss: „Ich sollte Traurigkeit in Freude umwandeln. Ich muss etwas tun.“                                                                                                                 

Mit jedem Schritt, den das Gehirn dem 1. Impuls hinzufügt, entfernt sich das Bewusstsein vom ursprünglichen Erfahrungsimpuls. Durch die Projektionen von Vergleichen, Etikettieren, Beurteilen und Konsequenzen überlegen werden so viele Informationen hinzugefügt, dass der Erfahrungsimpuls gar nicht mehr das sein kann, was er anfangs war. Die Lebendigkeit des Erfahrungsimpulses erhält zunächst eine bekannte Duftnote, wird unter Positiv-/Negativ-Kriterien klassifiziert und wird unter dem Gesichtspunkt alternativer persönlicher Reaktionen eingeordnet und damit entsorgt. So wird aus Partizipation Dissoziation, aus paradiesischem Sein die phänomenologische Sicht „aus der Ferne“.

Dieses Schema setzt voraus, dass der Mensch, bei dem es beobachtet wird, final orientiert ist, d.h. persönliche Absichten verfolgt. Alle persönlichen Absichten werden im Ego kreiert und basieren auf Vorlieben und Wunschvorstellungen. Dabei verhält sich das Ego im Grunde wie ein zweijähriges Kind in seiner Trotzphase, indem es sagt: „Ich will das, ich will jenes nicht."

In dieser Entscheidungssituation zwischen Ja und Nein geht es jedoch nur um eine einzige Erkenntnis: das Ja als fundamentalen Baustein der Schöpfung zu begreifen und das Nein als seinen komplementären Schatten.

Der Schatten hat keine andere Funktion, als die Schöpfung vor Unfreiheit, Begrenzung und Tod zu bewahren. Ein jeder von uns ist das Ergebnis von Ja. Die energetisch-emotionalen Wirkungen von Nein und Ja sind daher auch entgegengesetzt ab- oder aufbauend und kinesiologisch messbar.

Damit der Ja-Baustein des Universums unbehindert wirken kann, braucht er eine geistige Präsenz in der Gegenwart. Gegenwärtig ist aber nur jener Geist, jenes Bewusstsein, das frei von Gedanken und Gefühlen – und damit auch von Bewertungen und Beurteilungen – ist.

Und das führt uns zu deiner 2. Frage:

„Steckt hinter der Formulierung "die Ruhe des einfachen Seins" viel mehr, als diese einfachen Worte hergeben?“

Der radikalste mir bekannte Weg zur „Ruhe des einfachen Seins“ wird in „Ein Kurs in Wundern“ beschrieben. Dort werden alle Identifikationen mit Projektionen, durch die der Energielevel einfacher Wahrnehmung erhöht wird, als überflüssig und reine Energieverschwendung gesehen. Dahinter verbirgt sich die Überzeugung, dass Reiz-Reaktionsmechanismen zu bewerten oder zu beurteilen, sinnlos sei. Als Begründung dient die Lebensfreude, die durch Projektionen zerstückelt und zerstört wird. Deshalb wird die „Entwaffnung“ unbewusster Reiz-Reaktionsmechanismen durch „Versöhnung“ gelehrt, indem alle Projektionen durch „Vergebung“ gesühnt werden.

Allen Projektionen zu vergeben, ermöglicht erst die „Anerkennung“, dass „du nicht von dieser Welt bist, denn die Welt ist unglücklich. Wie kannst du Freude finden an einem freudlosen Ort, außer durch die Einsicht, dass du gar nicht dort bist?“. (Ebd., Textbuch, S. 97)

Mit diesen Worten werden Freude und Glücklichsein als die tiefsten Sehnsüchte der Menschen berührt und gleichzeitig darauf hingewiesen, wo und wie sie unerfüllt bleiben. „Die Wahrnehmung des Ego hat keine Entsprechung in Gott“ (Ebd.)

Alle Projektionen bleiben lediglich Fragmente, Bruchstücke innerhalb eines gespaltenen Geistes, während alle „SEINE GEDANKEN ... vollkommen in sich selbst und miteinander vereinigt sind. ... Der HEILIGE GEIST befähigt dich, diese Ganzheit jetzt wahrzunehmen. GOTT schuf dich, damit du erschaffst. Du kannst SEIN REICH so lange nicht ausdehnen, bis du um seine Ganzheit weißt.“ (Ebd.)

„Der Unterschied zwischen der Projektion des Ego und der Ausdehnung des HEILIGEN GEISTES ist ganz einfach. Das Ego projiziert, um auszuschließen, und daher, um zu täuschen. Der HEILIGE GEIST dehnt SICH aus, indem ER SICH in jedem Geist wiedererkennt und sie daher als eins wahrnimmt. Nichts ist in dieser Wahrnehmung in Konflikt, weil alles, was der HEILIGE GEIST wahrnimmt, ganz dasselbe ist. Wohin ER auch blickt, sieht ER SICH SELBST, und weil ER vereinigt ist, schenkt ER immer das ganze HIMMELREICH. Das ist die eine Botschaft, die GOTT IHM gab und für die ER sprechen muss, weil das ist, was ER ist. Der Frieden GOTTES liegt in dieser Botschaft, somit liegt GOTTES Frieden in dir. Der große Frieden des HIMMELREICHS leuchtet auf ewig in deinem Geist, aber er muss nach außen leuchten, damit du seiner gewahr wirst.
... Der HEILIGE GEIST wurde dir mit vollkommener Unterschiedslosigkeit gegeben, und nur indem du IHN unterschiedslos siehst, kannst du IHN überhaupt sehen. Das Ego ist Legion, aber der HEILIGE GEIST ist eins. Dunkelheit weilt nirgendwo im HIMMELREICH, deine Rolle aber ist nur die, nicht zuzulassen, dass Dunkelheit in deinem eigenen Geist weilt. Diese Ausrichtung auf das Licht ist unbegrenzt, weil sie auf das Licht der Welt ausgerichtet ist. Jeder von uns ist das Licht der Welt, und indem wir unseren Geist in diesem Licht verbinden, verkünden wir das REICH GOTTES gemeinsam und als eins.“ (Ebd., S.98 f.)

Die „Selektive Wahrnehmung“ ist demnach der Versuch, die Einheit des Lichts zu leugnen, ob es nun aus Berechnung oder Unwissenheit geschieht.

Aus der Quantenphysik wissen wir, dass selbst bei Teilung oder Brechung in seine kleinsten Teilchen die Einheit des Lichts immer erhalten bleibt. Weil selbst das kleinste Lichtquantum (Photon) mit sich selbst interferieren kann, d.h. wie eine ganze Lichtwelle mit allen unterschiedlichen Brechungswegen in Kontakt steht.

Was wir als Einzelheit oder Besonderheit sehen, ist also im Ursprung immer ein Ganzes und identisch mit sich selbst. Wir sehen Maya in seiner unendlichen Vielfalt; dabei ist Maya lediglich eine einzige Reflexion ihrer Quellsubstanz - one infinite substance (Spinoza).
Deshalb ist für den Lichtkünstler James Turrell Licht weniger etwas, was offenbart, sondern die Offenbarung selbst.
Doch die neuronalen Lichtkommunikationsmuster unseres Gehirns verfügen über ‚Funktionen’, die das eine Licht qua Wahrnehmung wieder differenzieren und zerlegen können. Und daraus folgen weitere Vorstellungen wie die von Zeit und Raum, von Subjekt und Objekt oder Jemand und Niemand. Hinzu kommt der Beobachtereffekt, der nicht nur Wahrscheinlichkeiten (Quiff) verändert, sondern den Beobachtungsgegenstand ins Sein bringt und dadurch quasi erst erschafft.

Wenn wir also etwas haben wollen, was wir anschauen können, erschaffen wir augenblicklich ein scheinbares Objekt, von dem wir uns als der scheinbare Beobachter unterscheiden können.
Beobachtung an sich ist insofern eine Funktion der Dualität, wenn die Differenzierung des Lichts beabsichtigt wird. Da der dunkle Ursprung des Subquantenfeldes aus sich selbst heraus permanent Licht erzeugt, bestünde allerdings auch die Möglichkeit, Licht nicht als Objekt zu beobachten, sondern im Sein dessen, was wir ja überwiegend sind, einfach Licht zu sein.

Dieses sprachlich komplexe Gebilde beschreibt den Unterschied von Beobachtung und Gewahrsein dessen, was da ist und was ein Auge nicht sehen kann, wenn es auf sich selbst blickt.

Erblinde schon heut:
auch die Ewigkeit steht voller Augen –
darin ertrinkt, was den Bildern hinweghalf
über den Weg, den sie kamen,
darin erlischt, was auch dich aus der Sprache
fortnahm mit einer Geste,
die du geschehn ließt wie
den Tanz zweier Worte aus lauter
Herbst und Seide und Nichts.

(Paul Celan)

Das Licht zu sein ist identisch mit das "Nichts" zu sein, unteilbar, unsterblich, mit dem unendlichen Potenzial aller Möglichkeiten in Verbindung stehend und doch immer den Weg der geringsten Wirkung wählend. Dieses Nächstliegende als lebendige Identität des Selbstseienden zu begreifen, ist das ERKENNEN des ewigen Glücks, wobei die Vollkommenheit des Lichts in der Vereinigung von Nächstenliebe und Selbstliebe als unendlicher kosmischer Tanz erscheint.

Wenn sie zu euch sagen:
'Woher kommt ihr?',
dann sagt zu ihnen:
'Wir kommen aus dem Licht, daher,
wo das Licht aus sich selbst heraus geboren ist.
Es hat sich erzeugt,
und es hat sich in ihrem Bild offenbart.

(Thomas-Evangelium)

Eins mit dem Licht zu sein, ist der Sinn des Lebens, in dem alle Zwecke zu einem einzigen verschmelzen:

„Dich im Sehen mit IHM zu verbinden ist der Weg, auf dem du lernst, die Deutung der Wahrnehmung, die zur Erkenntnis führt, mit IHM zu teilen. Du kannst allein nicht sehen. Die Wahrnehmung mit IHM zu teilen, DEN dir GOTT gegeben hat, lehrt dich, wie du begreifen kannst, was du siehst. Es ist die Einsicht, dass nichts, was du siehst, für sich allein etwas bedeutet. Mit IHM zu sehen wird dir zeigen, dass alle Bedeutung, einschließlich der deinen, ... aus dem sanften Verschmelzen aller Dinge in eine Bedeutung, ein Gefühl und einen Sinn und Zweck. GOTT hat einen SINN UND ZWECK, den ER mit dir teilt.“ (Ein Kurs in Wundern, Textbuch, ebd., S. 288 f.)

Die Veränderung der Wahrnehmung ist die einzige Möglichkeit, sich mit diesem Sinn und Zweck zu verbinden. Aber „Der letzte Schritt ist GOTTES“ (Ebd., S. 639), denn „Es wäre Verrücktheit, die Erlösung den Wahnsinnigen anzuvertrauen.“ (Ebd., S. 535)

 

"Im schlechtesten Fall sucht die Persönlichkeit ihr Leben lang erfolglos nach der verloren geglaubten Essenz und verteidigt zusätzlich diese äußere Suche unentwegt. Mit Verteidigen ist gemeint:..." schreibst du. Ich würde gerne wissen, wie der Gedankeninhalt weiterginge, wenn er begänne mit "Im besten Fall..."

Der beste Fall ist (und dieser Fall kann in jedem Augenblick geschehen), „sich seiner inneren Wahrheit hinzugeben und einfach dem roten Faden der eigenen Erfahrung zu folgen. Dabei geht es nicht darum, zu wählen oder nicht zu wählen; Dein Weg ist etwas, was Dir gegeben wird. Er entspricht der Straße, auf der du gehst und der Landschaft, durch die du reist. Du entdeckst dabei, dass es eine gewaltige Erleichterung ist, nicht mehr das Gefühl zu haben, die Landschaft ... müsse anders sein...“ (Hameed Ali)

Bild des Benutzers Roswitha

Dank für die vielen Überlegungen. Ich muss sie erst in meine Gedanken,-Sprach-und Erlebniswelt integrieren; dann melde ich mich gerne wieder.

Bild des Benutzers ebertus

Hier mag es rauh und dennoch (kaum erkennbar?) herzlich sein, ist Delloc unser ruhender Pol.

Und btw. kann man -sich zu besseren Wiedererkennung- Avatare im eigenen Profil hochladen. Gruß, Bernd

Bild des Benutzers Roswitha

Danke fürs Willkommenheißen, Bernd. Rau ist schon okay, wie alles, was der Wahrheit dient.Um einen Avatar werde ich mich noch bemühen. Beste Grüße, Elke

Die Darstellung ist stringent, aber sie beschränkt sich auf die Agenten, und zwar diejenigen, die kein wirkliches Interesse an der Aufrechterhaltung bestehender Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse haben. Für die trifft die Fragestellung zu, was sie zu "willing executioners" macht, obgleich es sie selbst verkrüppelt und erniedrigt, von ihren Opfern gar nicht geredet. Sie erklärt auch, warum sich Menschen Verhältnissen unterwerfen, die sie zum verächtlichen, erniedrigten Wesen machen.
Aber ist der Täter auf den höheren Ebenen der Hierarchien damit hinreichend erklärt? Ich denke, dass nicht. Hier besteht prima facie volle Übereinstimmung zwischen Handlung und Effekt: Was getan wird, nutzt dem Handelnden. Alles, was er braucht, um ethischen Klimbim von sich fern zu halten, liefert die neoliberale Ideologie: der Status der "Leistungsträger" ist verdient, ebenso wie der niedere Status der "Minderleister" oder "Überflüssigen".
Insofern reden wir von zwei Formen von Glauben, dem Glauben der Unterdrückten, der Religion in Sinne von Marx ist, der spirituelle point d'honneur, der Aufschrei der gequälten Seele, der übernatürliche Trost. Und andererseits die zynische Selbstrechtfertigung des Unterdrückers.
Menschen sind von Natur weder Bestien noch Schafe. Beide Formen des Glaubens sind überwindbar. Aber die letztere zu überwinden ist schwieriger.

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Bild des Benutzers fahrwax

Sie kennt ebenso die Begrenztheit ihrer Wahrnehmungen, die

"Gefühle von Unvollkommenheit, Minderwertigkeit, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Versagensangst, Bedeutungslosigkeit, Einsamkeit, Macht- und Lieblosigkeit" - nur sind die Möglichkeiten der Kompensation, in einer Umgebung von "Huldigern & Neidern" materiell andere (nicht wirklich bessere), als die der Unterdrückten.

Die Ängste der eingebildeten "Leistungsträger" wachsen, als Verlustangst, mit jeder erklommenen Sprosse der hierarchischen Leiter?

Die Panik angesichts der beständig tickenden "biologischen Uhr" ist in den Spitzen der Hierarchie sogar beklemmender, weil sie vorwiegend auf, programmiert endende, materielle Kompensation fixiert ist?

Beinhaltet die Koihaltung des Hern Winterkorn ( Über 3000 Euro Rente täglich und ein beheizter Koi-Karpfenteich ) eine tragfähige Wirklichkeit, oder ist sie Flucht?Über 3.000 Euro Rente pro Tag und beheizte Koi-Karpfenteiche - derstandard.at/2000050768587/Wie-neofeudale-Eliten-unsere-Gesellschaften-zerstoerenÜber 3.000 Euro Rente pro Tag und beheizte Koi-Karpfenteiche - derstandard.at/2000050768587/Wie-neofeudale-Eliten-unsere-Gesellschaften-zerstoerenÜber 3.000 Euro Rente pro Tag und beheizte Koi-Karpfenteiche - derstandard.at/2000050768587/Wie-neofeudale-Eliten-unsere-Gesellschaften-zerstoerenÜber 3.000 Euro Rente pro Tag und beheizte Koi-Karpfenteiche - derstandard.at/2000050768587/Wie-neofeudale-Eliten-unsere-Gesellschaften-zerstoeren