27 Apr 2017

Zur Ideologie des Positivismus

Submitted by Delloc


Quelle: http://obviousmag.org/archives/uploads/2014/06/df-hiro01s-thumb-800x606-49468.jpg


„Der Positivismus war im 19. Jahrhundert entstanden als eines der großen utopistischen Projekte einer scientistischen Gesellschaftstheorie, die sich selbst zu einer wissenschaftlich fundierten Weltkultur entfalten wollte. Es war die Utopie einer auf Wissenschaft gegründeten Gesellschaft, durch welche der größte Nutzen für die Menschheit zu erzielen wäre. Ihr Gründer Auguste Comte (1798–1857) vertrat ein Geschichtsmodell, wonach das Positive naturwissenschaftlich zu bestimmen sei und wie ein wissenschaftlich begründeter Zentralismus politisch durchgesetzt werden müsse. Die zentrale Wissenschaft sei daher eine politisch manifestierte Soziologie, die in der Lage sein müsse, die positiven Merkmale, die sie durch naturwissenschaftliche Methodik rational erkennen könne, systematisch zu beschreiben (siehe auch Systemtheorie) und durchzusetzen und hieraus die gesellschaftlichen Probleme als bloße Negativität zu beherrschen, sozusagen den Fortschritt eines wissenschaftlich bereinigten Lebens zu garantieren.“ (http://kulturkritik.net/begriffe/index.php?lex=positivismus)

Die erkenntnistheoretischen Methoden des Positivismus hat dann Karl Popper (1902-1994) definiert und präzisiert:

»Es kann nicht deutlich genug betont werden, daß Widersprüche sofort jede Art von Fruchtbarkeit verlieren müssen, sobald wir ... uns entschließen, Widersprüche zu dulden; sie würden dann keinen Fortschritt des Denkens mehr hervorbringen. Denn wenn wir bereit wären, Widersprüche zu dulden, könnte ihre Offenlegung in unseren Theorien uns nicht mehr veranlassen, diese zu ändern. Mit anderen Worten: Alle Kritik (die in der Herausstellung von Widersprüchen besteht) würde ihre Kraft verlieren. (...) Dies aber würde bedeuten, daß die Kritik und damit jeder Fortschritt des Denkens zum Stillstand kommen müßte, falls wir bereit wären, Widersprüche zu dulden.« (Popper in „Was ist Dialektik?“, 1949)

Der „Satz vom Widerspruch“ ist geisteswissenschaftlich ein alter Hut, der bereits in der Aristotelischen „Metaphysik“ formuliert wurde:

"Denn es ist unmöglich, dass dasselbe demselben in derselben Beziehung zugleich zukomme und nicht zukomme. [...] Doch wir haben eben angenommen, es sei unmöglich, dass etwas zugleich sei und nicht sei."

Popper leitete daraus seine "Trial-and-Error-Methode" ab, die er als die einzig legitime Erkenntnismethode des Denkens propagiert und nennt seine Philosophie „Kritischer Rationalismus“. Nur was eindeutig existiert („Positivität“) und beweisbar ist („Verifikation“), kann Wahrheit beanspruchen. Alles Widersinnige und Nicht-Verifizierbare kann nicht Gegenstand von Wissenschaft sein, weil es nicht „rational“  hinterfragbar sei.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts lag die Bürgerliche Welt in Schutt und Asche. Die Massenmorde von Hiroshima und Nagasaki sowie die Nazi-Pogrome an den Juden hatten soziale Abgründe offenbart, die den Blick auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritts verdunkelten und neue Orientierungen erforderten.

Eine Wissenschaftstheorie, die jedwede Kritik an der Normativität des Faktischen bereits definitorisch ausschloss, diente vor allem jenen Interessen, die den Intellekt für die Maximierung ökonomischer Profite instrumentalisieren und die Bürgerlichen Antagonismen zu einer Welt von Frieden und Wohlstand verstecken wollten.

„Der Positivismus, dem Widersprüche anathema sind, hat seinen innersten und seiner selbst unbewußten Kern daran, dass er der Gesinnung nach äußerster, von allen subjektiven Projektionen gereinigter Objektivität anhängt, dabei jedoch nur desto mehr in der Partikularität bloß subjektiver instrumenteller Vernunft sich verfängt.“ (Adorno: "Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie")

Die Befürchtungen Kritischer Sozialwissenschaftler haben sich leider mehr als bewahrheitet:

Bei http://www.egbert-scheunemann.de/Dialektik-der-Aufklaerung-Kritik.pdf kann man lesen:

„Die Herrschaft des Neoliberalismus, die sich verfestigende Weltherrschaft des Kapitalismus und der  Profitlogik nutzt und puscht ohne jede soziale oder ökologische Gnade die rasende Entwicklung der  Produktivkräfte, dieser Artefakte der Anwendung instrumenteller Vernunft in Wissenschaft und Technologie – und hinterlässt mehr und mehr autoritäre politische Systeme, um die Heerscharen  von Verlierern dieser ‚Modernisierung’ im Zaum zu halten (Ausbau privater, polizeilicher, geheimdienstlicher und militärischer  Sicherheitsapparate), sofern diese ihr Heil, also die Heilung  ihrer sozialen Deklassierung und Verarmung und ihres schieren Hungers nicht gleich selbst imaginierten Autoritäten überantworten (Wiederkehr religiösen Fundamentalismus, Erstarken des Rechtsextremismus etc.).“

Eine andere Konsequenz aus der Positivistischen Assimilation der Bürgerlichen Wissenschaften war die Propagierung der Naturwissenschaften und die Diffamierung der Geisteswissenschaften. (Letzteres auch in diesem Forum, vgl. die Beiträge von @ebertus)

In http://kulturkritik.net/begriffe/index.php?lex=wissenschaft wird fundiert erläutert, worin der wesentliche Unterschied liegt:

„Die wesentliche Gegensätzlichkeit der derzeit gelehrten Wissenschaft liegt in der Abspaltung des theoretischen Denkens gegen das praktische. Die konkrete Natur ihres Gegenstands, seine wesentliche Substanz, zerfällt ihr in rein empirische Fakten, die sich als Information über ihn verallgemeinern lassen, und der konkrete Zusammenhang verbleibt ihr als reine Interpretation, als Idealisierung ihres Zusammenhangs im Jenseits ihrer Faktizität. Von daher fallen auch die natürliche und die intelligible Seite des Wissens auseinander in naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Dimensionen und bestärken sich jeweils einseitig als geistlose Naturwissenschaft und als eine zur Ideologie naturalisierte Geisteswissenschaft (vergl. z.B. die Diskussion der Hirnforscher um den Willen).“

Der grundlegende Mangel Bürgerlicher Wissenschaft ist ihre Trennung von der Lebenspraxis der Menschen. Indem sie sich auf das Verifizierbare reduziert, reflektiert sie nicht, worauf lebendige Identität und Selbstgewissheit basieren. Alle Erkenntnisse, die aus den Widersprüchen des Lebens resultieren, bleiben so unerkannt oder werden als irrelevant abgetan.

Das Erkenntnisinteresse der bürgerlichen Wissenschaft richtete sich letztlich nur noch auf das Machbare, was auch den Lebensverhältnissen der heutigen Menschen geschuldet sein mag, die sich lediglich auf die Maximierung ihres Geldbesitzes konzentrieren.

Im Verhältnis der Bürgerlichen Wissenschaften zur Wahrheit vgl. http://www.kulturkritik.net/begriffe/wissenschaft.html:

„Diese Erfolgsrelativierung von Wahrheit (siehe Nützlichkeit) wurde durch die Globalisierung weiter darauf reduziert, dass Wissenschaft selbst bloße Spekulation wurde, die sich in vielfältiger Weise erfolgreich zeigen kann - sofern eben Erfolg jenseits der Quantität von Geldbesitz überhaupt noch definierbar ist. Wie auf dem Aktienmarkt überlassen sich die Wissenschaftler den Vermutungen, ihren Ahnungen von Handlungserfolgen, deren Bewahrheitung in jeder Hinsicht für unmöglich erachtet wird (siehe Neoliberalismus). Der Gegenstand von Wissen gilt wie dieses selbst somit als willkürlich, konstruiert, subjektiv unmittelbare Verwirklichung, Wirklichkeitskonstrukt (siehe auch Konstruktivismus und Dekonstruktivismus). Ein Wissen für die Menschen in ihrem Lebenszusammenhang kommt so nicht mehr zustande, wohl aber die vollständige Ausschöpfung durch Informationen über sachliche und funktionale Erfolgspotentiale, welche als nötig angesehen werden.“

Diese „vollständige Ausschöpfung“ aller verifizierbaren Potenziale beflügelt in der Bürgerlichen Gesellschaft optimal die Herrschaftsideale, auf denen sie beruht: a) die Maximierung unbezahlter Arbeit und b) die Aneignung des Mehrwerts durch Kapitalbesitz.

Wenn sich aber die Erweiterung des Wissens in der Produktion des menschlichen Lebens als erneuerte Selbstgewissheit des Menschseins nicht bewährt, weil weder Frieden noch Wohlstand erreicht werden, ist dies keine Wissenschaft, sondern reine Herrschaftstechnik.

Kommentare

Bild des Benutzers Uwe Theel

Danke lieber delloc für den aufklärenden Text.

Jetzt kann man nur noch warten, bis hier die ersten Wildgeister einfallen, wollte sagen, bis "die nächste Sau im Dorf ist".

u.t.

Bild des Benutzers ebertus

Kann mir also aussuchen, wem ich zustimme:

"Zwischen der erkenntnistheoretischen Position, die vor allem die Wissenschaftsdiskussion auf sich zog, und dem institutionalisierten Positivismus, der einen Religionsersatz anstrebte, entstanden im Verlauf des 19. Jahrhunderts erhebliche Spannungen."

Oder gleich mit Karl Popper konform gehen:

"Der Positivismus ist so tot, wie eine philosophische Bewegung es überhaupt nur sein kann."

- - - - -

Interessieren würde mich ganz realpraktisch, wo konkrete Bezüge zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Zuständen und Abläufen zu sehen sind und welche konkreten Handlungsempfehlungen sich aus dem Positivismus -welcher Couleur auch immer, siehe mein erstes Zitat- ableiten lassen.

Bild des Benutzers Uwe Theel

Nun zunächst werter ebertus:

Denkhaltungen sucht man sich nicht aus, wie die Joghurtsorte im Supermarktregal und selbst dabei soll es kritische Konsumenten geben.

Zur Sache:

Wenn Du "realpraktische" Beispiele zu Positivismus gestützem Handlen/Theoriebilden suchst, dann könntest Du bei dir selbst schon fündig geworden sein, wenn Du denn a) begreifen würdest, dass auch Deinen Naturwissenschaften nicht ohne erkenntnistheoretische, philosophische Absicherung auskommen können und b) "reines" naturwissenschaftlichen Debnken per se positivistisches ist.

In der Politik in Deutschland sind Helmut Schmidt und seine SPD/...-Regierung ein klassisches Beispiel solch "realpraktich" positivistischem Denkens und Handelns. Diese Politik hast Du selbst erlebt, und , ich fürchte, zu guten teilen als positiv wahrgenommen aber scheintt s, in ihrem Wesen auch nie begriffen.

Zum Letzten: Wenn Dir das, was in die Geschichtsbücher der Gesellschafts- und Erkenntniswissenschaften als der "Positivismusstreit in der deutschen Soziologie" eingegangen ist, nicht nur eine Vokabel, sondern begriffene Wissenschafts- und Politikgeschichte wäre, hättest Du sicherlich Deine Frage nicht so naiv gestellt, falls Du delloc und/oder mich hier nicht nur wieder "anfüttern" wolltest, was zu befürchten steht.- Also rate ich, wenn auch wahrscheinlich vergeblich bei mindestens Habermas und Luhmann, zwei des linken Revolutionärstum völlig Unverdächtigen, mal vertiefend nachzulesen und zu -lernen.

P.S.: Wer immer nur Fragen stellt, auf Antworten nie wirklich eingeht und dessen "Antworten" nur aus Trivialitäten bestehen, der will wohl nur "anfüttern", wenn er nicht einfach nicht schlauer ist. - Du kannst es Dir aussuchen.

Bild des Benutzers Delloc

„Interessieren würde mich ganz realpraktisch, wo konkrete Bezüge zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Zuständen und Abläufen zu sehen sind und welche konkreten Handlungsempfehlungen sich aus dem Positivismus -welcher Couleur auch immer, siehe mein erstes Zitat- ableiten lassen.“

Das „realpraktische Interesse nach konkreten Bezügen zu den aktuellen gesellschaftspolitischen Zuständen und Abläufen“ ist bei diesem Thema identisch mit dem Verlassen einer Abstraktionsebene, auf der die Bedeutung des Positivismus schlüssig definiert wurde.

Diese Bedeutung gipfelte in dem Satz „Diese „vollständige Ausschöpfung“ aller verifizierbaren Potenziale beflügelt in der Bürgerlichen Gesellschaft optimal die Herrschaftsideale, auf denen sie beruht: a) die Maximierung unbezahlter Arbeit und b) die Aneignung des Mehrwerts durch Kapitalbesitz.“

Um dies zu „verifizieren“, ist es nicht mit phänomenologischen Plausibilitätsbeispielen getan, oder gar trickreichen Skalierungsmanipulationen, sondern dies würde umfassende Erforschungen notwendig machen: z. B. Themen wie Verdinglichung, Entfremdung, Macht und Herrschaft, Armut, Wert- und Mehrwert, Gewalt, Unterdrückung, Sozialtechniken, mediale Gleichschaltung, Propaganda usw. usf. …

Allerdings müssten die reduktionistischen Methoden der heutigen Bürgerlichen Wissenschaften des Positivismus dabei ersetzt werden durch eine Wissenschaft, die Karl Marx mal so definiert hat:

"Wir Kommunisten kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte. Die Geschichte kann von zwei Seiten aus betrachtet werden, in die Geschichte der Natur und die Geschichte der Menschen abgeteilt werden. Beide Seiten sind indes nicht zu trennen; solange Menschen existieren, bedingen sich Geschichte der Natur und Geschichte der Menschen gegenseitig" (Karl Marx, MEW 3, S.18)."

Zugegeben: für ergebnisorientierte Geister und echte Macher, die sich an der Funktionalität des eigenen Tuns berauschen, sind historische Verhältnisse eher Challenges, die es zugunsten persönlicher Vermarktung und Verwirklichung zu ignorieren oder zu überwinden gilt. Doch auch diese Phase Bürgerlichen Wahnwitzes wird im Buch der Geschichte einmal Geschichte sein.

Bild des Benutzers ebertus

Dem letzten Absatz kann ich folgen ...

So gehörte es gerade im Beruf zu meinen liebsten Übungen: Leute die gern klug daherredeten, aber nichts machten und sich vor jeder (notwendigen) Entscheidung wanden wie ein Aal, die dann in eine Konstellation, eine Situation zu bringen, wo sie entscheiden mussten. Das war jedes Mal eine Tragödie.

Ich meine, es liegt -und im Gegensatz zum Tierreich- in der zu Reflektion und (Selbst)zweifeln fähigen menschlichen Natur; dieses gern zelebrierte: Hannemann geh' Du voran!

Wird man mit Sicherheit auch hier merken, dass ich andere -die es sich redlich verdient  haben- gern in Situationen bringe, wo ihnen lediglich binäre Antworten bleiben. Dazu noch'n Bonmot, Geschäftsführer an Mitarbeiter:

"Ebertus, wenn ich zehn Entscheidungen zu treffen habe, dann treffe ich sie schlußendlich. Auch wenn eine oder zwei davon sich später als falsch, als nicht optimal etc. herausstellen sollten"

Ok, der Anteil an Fehlentscheidungen sollte nicht zu hoch werden, sonst war es das dann ganz schnell mit dem gutbezahlten Job. Aber auch da ist der Terminus "Fehlentscheidung" schlußendlich nur Meinung, in der Regel aus einer Machtposition heraus getroffen. Die Aktionäre bzw. Mitarbeiter der Company werden so manche (Fehl)entscheidung mit Sicherheit vollkommen entgegengesetzt beurteilen.

Ob diese Phase Bürgerlichen Wahnwitzes irgendwann mal Gechichte sein wird -und um welchen ggf. höheren Preis- das sei hier dahingestellt. Ich selbst habe mich heute jedenfalls vom Machen weitgehend verabschiedet, auf Zuschauen und Schmunzeln verlegt.

Bild des Benutzers Delloc

„So gehörte es gerade im Beruf zu meinen liebsten Übungen: Leute die gern klug daherredeten, aber nichts machten und sich vor jeder (notwendigen) Entscheidung wanden wie ein Aal, die dann in eine Konstellation, eine Situation zu bringen, wo sie entscheiden mussten. Das war jedes Mal eine Tragödie.“

Ja, Führung will gelernt sein. Hattest du denn diesbezüglich keine vernünftige Vorbereitung auf den Job?

 

„Ich meine, es liegt -und im Gegensatz zum Tierreich- in der zu Reflektion und (Selbst)zweifeln fähigen menschlichen Natur; dieses gern zelebrierte: Hannemann geh' Du voran!“

Es ist vor allem eine Frage des Selbstvertrauens, das immens gestärkt werden kann, wenn El Chefe durch echte Anerkennung in Vorleistung geht.

 

"Ebertus, wenn ich zehn Entscheidungen zu treffen habe, dann treffe ich sie schlußendlich. Auch wenn eine oder zwei davon sich später als falsch, als nicht optimal etc. herausstellen sollten"

Ja, dieser heldenhafte Wagemut der Entscheider, Fehler in Kauf zu nehmen, damit der Glaube an die  Pyramide nicht gefährdet wird. Ist eben alles nur Herrschaftstechnik…

Spätestens mit dem TQM wurden solche „Heldenmythen“ allerdings eher als „Vorzimmerphilosophie“ abgetan.

 

„Die Aktionäre bzw. Mitarbeiter der Company werden so manche (Fehl)entscheidung mit Sicherheit vollkommen entgegengesetzt beurteilen.“

Im bellum omnium contra omnes sind die Verhältnisse stets äußerst komplex.

Bild des Benutzers pleifel

mit den Formulierungen "Ja, dieser heldenhafte Wagemut der Entscheider, Fehler in Kauf zu nehmen, damit der Glaube an die  Pyramide nicht gefährdet wird. Ist eben alles nur Herrschaftstechnik…" und "Spätestens mit dem TQM wurden solche „Heldenmythen“ allerdings eher als „Vorzimmerphilosophieabgetan."

zeigst Du eine für mich zweifellose "Unbedarftheit" auf dem Gebiet von TQM und einem völlig anderen Gebiet der Managementebene, wo viele Entscheidungen in Unsicherheit getroffen werden müssen. Solltest Du aber z.B. den William Deming, den eindeutigen Klassiker auf dem Gebiet im Original gelesen haben, dann lägen noch ganz andere Fragen auf der Hand.

Aber möglicherweise hat Dich das Wort "Managment" in TQM verleitet, daraus den Schluss zu ziehen, damit wäre die "Herrschaftstechnik" endgültig innerbetrieblich erledigt. Allerdings muss ich zugestehen, wenn sich alle heutigen DAX-Unternehmen, die aktionärsgetrieben eher an kurzfristigen Gewinnen interessiert sind, den Demingschen Grundsätzen folgen würden, dann sähe es sicher in einigen Unternehmen besser aus.

TQM steht "nur" für eine Variante verschiedener Versuche der Rationalisierung von Betriebsprozessen mit Einbindung der Mitarbeiter. Ein Ergebnis aus diesen Techniken ist auch die indirekte Steuerung, die ich im Freitag mit Wenn die Arbeit den Menschen frisst, ausführlich behandelt habe. 

Zum guten Management gehört weit mehr, als sich allein auf Qualitätsmanagement zu stützen. Überdies ist in komplexen Systemen eh nur ein Minimum an dauerhafter Sicherheit (Erfolg) zu erreichen, insoweit gehört auch eine gehörige Portion Intuition und Glück zu den Entscheidungen. Denn die meisten Parameter sind vom Management allenfalls "nur" zu beinflussen, wenn überhaupt.

Wenn etwas schlecht läuft, ist es dann auch immer der Chef, der den "Kopf" hinhalten muss. Und nur von denen mit dem "goldenen Handschlag" erfährt man über die Medien, da sich darüber so gerne gemeinsam schimpfen lässt. Die anderen, die ihren Job in den Ebenen tiefer leisten, arbeiten nicht unter diesen komfortablen Bedingungen, müssten den Job allerdings auch nicht machen, wenn sie es nicht wollten.

Bild des Benutzers Delloc

„… "Unbedarftheit" auf dem Gebiet von TQM… Aber möglicherweise hat Dich das Wort "Management" in TQM verleitet, daraus den Schluss zu ziehen, damit wäre die "Herrschaftstechnik" endgültig innerbetrieblich erledigt.“

Oh, TQM scheint bei dir einen automatischen Reiz ausgelöst zu haben… wink

Ja, viele nutzen jede Gelegenheit, holen tief Luft und plustern sich auf, wenn sie ihre Verwertung zu optimieren und ihr Image zu verschönern erhoffen.

Mein Hinweis auf TQM bezog sich lediglich auf zusätzliche Qualitäten zur Entscheidungsfindung, die mit TQM praktiziert wurden, nicht mehr und auch nicht weniger.  

Welche Herrschaftstechniken in der Praxis möglich sind, habe ich zwar nur direkt unter der Vorstandsebene als Vertriebsdirektor erfahren dürfen, dafür aber auch als erster. 

Bild des Benutzers ebertus

Bloß ein Spruch, oder ernst gemeint?

Am Liebsten waren mir Vorgesetzte, die natürlich und ohne aufgesetztes, erkennbar angelerntes und nun abzuspulendes Repertoire führten.

Genau so habe ich mich später, in entsprechende Positionen gekommen, auch definiert; obwohl dann ebenfalls diverse, wohl von Psychologen erdachte Managementkurse, Seminare etc. absolviert, in der Regel für zu leicht befunden, manchmal als Kindergarden empfunden.

Interessant ist es schon, wenn man ein Projekt leiten darf, es nicht aufgedrückt bekommt; und sich dann die passenden Mitglieder (nicht nur aus dem eigenen Bereich aussuchen kann, darf, muss. Da lernt man schnell und ganz praktisch, dass fachliche Qualität nicht einhergehen muss mit kooperativem Verhalten; im Gegenteil ...

Wie in der Bloggerszene, nur eben nicht anonym.

Das schöne an einer großen Company mit (auch) finanzieller Potenz ist die Tatsache, dass man sich als Fachvorgesetzter um manche Renitenz, manches Quertreiben nur bis zu einem gewissen Punkt kümmern muss. Danach übernehmen Personal- und Rechtsabteilung; ist jede(r) rauszukaufen.

Denn manchmal (selten) ist es schon nötig einem Mitarbeiter, einer Mitarbeiterin klar zu machen, dass es das halbwegs fürstliche Gehalt neben aller weiteren Benefits nicht dafür gibt, interne Grabenkämpfe und private Feldzüge zu führen.

Also ganz im Gegensatz zu der -just for fun- anonymen Bloggerszene.

Bild des Benutzers Delloc

Du scheinst ja noch voll im Dampf der Vergangenheit zu stehen… smiley

Ja, Führung will gelernt sein!

Als Vertriebsmanager und Seminarleiter konnte ich das Verhältnis von Theorie, Trockenübungen und Praxis gleichzeitig erfahren. Dazu gäbe es unendlich viel zu sagen.

„Am Liebsten waren mir Vorgesetzte…“

Ja, Beliebtheit kann ein wichtiges Führungsinstrument sein, aber Effizienz ist eben nicht immer mit Effektivität identisch…

In meinem Fazit 30 Jahre später bedaure ich am meisten jene Anstrengungen, die sich mit mehr Geduld und Zuversicht erübrigt hätten.

Was die "just for fun- anonyme Bloggerszene" betrifft, so gehe ich eher von einem einheitlichen Menschenbild aus. Was bedeuten soll, dass es stets dasselbe Bewusstsein ist, wie ich mich präsentiere - maskiert oder in meiner ganzen Herrlichkeit... smiley

Bild des Benutzers ebertus

Nun ja, das ist wohl relativ ...

Habe mit 59 Jahren und vollkommen selbst initiiert meinen Auflösungsvertrag unterschrieben, bin mit 60 dann gleitend ausgestiegen. Heute mit 70 nur ein wenig weiser ...

Ich finde das (psychologisch) schon interessant, die wortgewaltigen KampfbloggerInnen mit den eben nicht anonym agierenden, betriebswirtschaftlich eingerahmten Menschen aus meiner Berufszeit zu vergleichen.

Auch im Hinblick auf ein BGE; beispielsweise. Was tun Menschen, wie verhalten sich Menschen, wenn das Framing fehlt? Wenn die basale Existenz ohne Repressionsdruck gesichert ist?

Wie immer schon mal angedeutet: (Vermeintlich) anonym agieren ist nur im Innenverhältnis eine Art Freifahrtschein, warten d'raussen das reale Leben, dessen Anforderungen, sind insbesondere die Konsequenzen eigenen Verhaltens dann real zu tragen.

Ok, jetzt mache ich mich zur Abschlußwanderung dieser Tage in Bayern auf; das Wetter ist herrlich.

Bild des Benutzers Delloc

"Was tun Menschen, wie verhalten sich Menschen, wenn das Framing fehlt? Wenn die basale Existenz ohne Repressionsdruck gesichert ist?"

Ich befürchte das Schlimmste, sofern sie sich an jenen orientieren, die diesen Druck noch nie gehabt haben... wink

Bild des Benutzers pleifel

Die Vorstellung oder gar Forderung von einer wertfreien Wissenschaft ist in gewisser weise paradox, da damit selbst eine Wertvorstellung ausgedrückt wird. Allerdings wäre die Frage zu diskutieren, wie und ob überhaupt eine Trennung von Tatsachen und Werten (Sein und Sollen) objektiv geleistet werden kann.

Der Positivismusstreit, der anlässlich der Tagung "Die Logik der Sozialwissenschaften" anhand der einleitenden Hauptreferate von Popper und Adorno entstanden ist, hat grundsätzliche Fragen zur Wissenschaftskritik aufgeworfen, die auch heute noch von Bedeutung sind.

Ich würde keine Barrieren zwischen die verschiedenen Bereiche der wissenschaftlichen Disziplinen bauen wollen, wohl aber zu bedenken geben, das es doch graduelle Unterschiede zwischen den sogenannten exakten - zu den Geisteswissenschaften gibt. Die Problemstellungen sind unterschiedlicher Art, was die Überprüfung und Wiederholbarkeit von Experimenten betrifft, soweit es zum einen die Objekte der Natur, bzw. die Subjekte und deren Gesellschaftssysteme (Geschichte, Traditionen, Werte, Verhalten usw.) betrifft.

Zwar ist in beiden Fällen der Beobachter immer als subjektiver Betrachter dabei und immer mehr oder weniger von den gesellschaftlichen Wertevorstellungen "infiziert", aber bei den Naturwissenschaften im engeren Sinne (Physik, Mathematik, Astronomie, Chemie) bezieht sich die Fragestellung zumindest auf eine "Natur der Verlässlichkeit", insoweit das Gesetz der Gravitation (oder das immer regelgerechte Verhalten von Massen untereinander als Verallgemeinerung gefasst) wissenschaftliches Arbeiten überhaupt möglich macht. Und ohne diese Konstanz der Natur wäre auch keine angewandte Technik möglich.

Aber die geisteswissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere die Soziologie, haben nach Adorno im Sinne der Kritischen Theorie eine über die "Logik der Wissenschaft" hinausgehenden Anspruch, der sich mit den Fragen nach der "besseren Gesellschaft" und auch mit der Kritik an den sozialwissenschaftlichen Methoden selbst beschäftigt, denn diese sind bereits das Ergebnis der vorhandenen Gesellschaft und muss darauf reflektieren können. Mit anderen Worten, die Soziologie darf nicht in ihren Hypothesen hängen bleiben und sollte den Anspruch vermitteln, zur Emanzipation der Menschen beizutragen, indem sie Vorschläge und Wege zu einer "besseren" Gesellschaft vermittelt.

Popper ist sich aber auch im Klaren, dass der einzelne Wissenschaftler die in der Theorie postulierte Wertfreiheit der Wissenschaft nicht leisten kann, wohl aber annimmt, dass sich das in der Gemeinschaft der Wissenschaftler ausmittelt.

Und was dein Zitat betrifft: "Popper leitete daraus seine "Trial-and-Error-Methode" ab, die er als die einzig legitime Erkenntnismethode des Denkens propagiert und nennt seine Philosophie „Kritischer Rationalismus“. Nur was eindeutig existiert („Positivität“) und beweisbar ist („Verifikation“), kann Wahrheit beanspruchen. Alles Widersinnige und Nicht-Verifizierbare kann nicht Gegenstand von Wissenschaft sein, weil es nicht „rational“  hinterfragbar sei."
lässt sich Widersprechen, denn Popper versucht erst gar nicht, eine Wahrheit zu beanspruchen, die durch die Falsifikation erreicht würde, ganz im Gegenteil. Theorien können nämlich nach seinem Wissenschaftsverständnis nicht "bewahrheitet", sondern nur noch widerlegt werden. Und je länger eine Theorie den Falsifikationen standhält, um so qualitativer dürfte ihr Gehalt sein. Das wiederum ist nicht mit dem Anspruch von Wahrheit zu verwechseln, denn "unser Wissen" von der Natur (und damit auch über uns selbst), ist immer nur vorläufiger Natur.

Es wäre von Vorteil, die Übereinstimmungen und Unterschiede der Positionen Poppers und Adornos anhand dieser Vorträge heraus zu destillieren. Mir liegen aber die Texte nicht vor. Aber es gibt ja den Suhrkampband Positivismusstreit von Dahms, mal sehen ...

Übrigens gerne gelesen.

Nachtrag zur Mathematik
Bei ihr gibt es eine Besondeheit, die sie auszeichnet, nämlich "Ein einmal bewiesenes Resultat kann sich hinterher nicht als falsch herausstellen und deshalb hat ein Theorem (ein bewiesener mathematischer Lehrsatz) eine unedliche Lebensdauer. Der Satz von Pythagoras über rechtwinklige Dreiecke ist für alle Zeiten gültig!" (aus Die großen Fragen der Mathematik von Tony Crilly).

 

Bild des Benutzers Delloc

Dir ist der Kern des Beitrags, die wesentliche Botschaft, irgendwie nicht ins Bewusstsein gerutscht. Deshalb zitiere ich hier einen Text, der diesen Kern noch einmal deutlich macht. (Aus Zeitgründen leider nur ein Zitat aus dem Kulturkritischen Lexikon)

"Mit seinem (Poppers) kritischen Rationalismus fordert er die radikale Abweisung gerade der subjektiven Erkenntnis, welche die menschliche Substanz einer Kritik ausmacht, das Interesse an der Aufhebung wirklicher Widersprüche - nicht durch die Abweisung aus dem Positivismus einer rationalistischen Wissenschaft, sondern durch menschliche Praxis, durch die praktische Veränderung des kritisierten Gegenstands. Und deshalb verfestigt seine "Kritik" vor allem die Widersprüche seiner Objekte, weil er sie - eben ganz undialektisch - schon in der Einheit seiner Methode für aufgelöst erklärt. Das macht ihn überheblich gegen jedes wirkliche Denken, das im Begreifen seiner Wirklichkeit sich nicht rein akademisch im Sinne bürgerlicher Wissenschaft, sondern vor allem praktisch begründet:

»Die Dialektik entspricht (...) nicht den Anforderungen an strenge Wissenschaft (...) Auch noch in anderen Hinsichten verstößt die Dialektik gegen die Regeln guten wissenschaftlichen Benehmens: Sie kann mit einer strikten Subjekt-Objekt-Trennung nichts anfangen; sie formuliert keine Hypothesen, die empirisch verifiziert oder falsifiziert werden könnten; sie hält sich nicht an das Gebot der Widerspruchsfreiheit; sie gibt nicht an, wie ihre zentralen Kategorien zu operationalisieren seien; und sie operiert überhaupt in jeder Hinsicht auf einem hoffnungslos vorwissenschaftlichen Niveau.« (Popper, in „Was ist Dialektik?“ [1949] 1965, S. 18)

Es ist ein sonderbares Verständnis von Kritik, die ja schon vor der Analyse ihres Gegenstands sich abgeschlossen und abgeschottet gibt - eben als Operator der herrschenden Vernunft. Die marxistische Analyse ihrer Widersprüche in der Wirklichkeit als Grundlage aller Prognosen ist der schlagende Beweis, dass die Verifikation von Vorstellungen über sie durch die empiristische Bestätigung ihrer Hypothesen nur der Bestätigung ihrer Herrschaft dienen können. Aussagen über ihre Entwicklung lassen sich aber gerade aus der Erkenntnis ihrer widersprüchlichen "Vernunft", aus der Logik dieser Widersprüche vom Subjekt und Objekt der Geschichte als substanziellen Grundlagen ihrer Wahrheit, als ihre Begriffssubstanz erschließen. Inzwischen beweist die Empirie des Kapitals längst an fast jedem Ort der Welt, dass der Widerspruch des Geldes, sein Widerspruch als Objekt wie Subjekt der Märkte zwischen seinem Dasein als Wertmaß und Maßstab der Preise, sein Widerspruch zwischen Wertbildung und Preisbildung (siehe auch Wertwachstum und Wirtschaftswachstum) die ganze Geschichte des Kapitalismus bis heute noch bestimmt. Popper hatte mit seinem "kritischen Rationalismus" einfach nur den Menschen "vergessen", den Widerspruch seiner Lebensäußerung in seinen gesellschaftlichen Verhältnissen, seine objektive Subjektivität, seine Selbstentfremdung unterschlagen.

Denn schon durch ihr theoretisches Bewusstsein ist Kritik immer auch ein Akt der Selbsterkenntnis. Erst indem ich etwas kritisiere, setze ich es ja nicht einfach nur wie etwas mir völlig Fremdes aus mir heraus, sondern ich erkenne vor allem meine Beziehung hierzu, werde mir erst hierdurch meiner selbst gewahr. Und wie ich darin für mich wahr werde, kann jeder Mensch für sich wahr werden, wenn Kritik wahr ist, wenn kritische Theorie sich verwirklicht, materiell wird, indem sie die Täuschungen der wirklichen Verhältnisse analysiert und ihre Erkenntnisse so subjektiv mitteilt und vermittelt, wie sie objektiv sind."

Bild des Benutzers pleifel

Dass Du eine "Botschaft" vermitteln wolltest, ist mir leider entgangen. wink

Bei Popper ist es ähnlich wie bei Wittgenstein, abhängig vom Zeitpunkt ihrer Schriften "entwickeln" sie ihre Ideen weiter (oder falsifizieren diese gleich selbst).

"Mit seinem (Poppers) kritischen Rationalismus fordert er die radikale Abweisung gerade der subjektiven Erkenntnis, welche die menschliche Substanz einer Kritik ausmacht, das Interesse an der Aufhebung wirklicher Widersprüche - nicht durch die Abweisung aus dem Positivismus einer rationalistischen Wissenschaft, sondern durch menschliche Praxis, durch die praktische Veränderung des kritisierten Gegenstands."

Und genau das vermeine ich aus Poppers Wissenschaftstheorie so nicht zu entnehmen, wohl aber mag der Anschein sich aus einigen isolierten Textstellen so darstellen. Denn ausgerechnet Popper ist doch der Denker, der konkrete Wahrheiten als objektive bestreitet. Ich werde die Referate in Tübingen von 1961 im Original lesen und beizeiten "nachliefern". Pfreundschuh ist ein interessanter Interpret, möchte mich aber schon selbst bei den Quellen informieren.

Eine Wissenschaft, zumindest die im engeren Sinne gefassten Naturwissenschaften, arbeiten mit eigenen Methoden und an objektivierbaren Untersuchungsobjekten. In welcher Rolle die beteiligten Wissenschaftler aber auftreten, halte ich für entscheidend zu differenzieren, denn Fragen zur Verwendung der Ergebnisse und/ oder die Auswahl der Forschungsziele ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die den Wissenschaftlern nicht allein überlassen werden darf. Dagegen sind die internen wissenschaftlichen Methoden nach deren eigenen Anforderungen zu strukturieren, wie sie sich aus den zugrundeliegenden Problemen eben ergeben.

Meine Wahrnehmung aus den bisher mir bekannten Quellen entspricht etwa folgender Textstelle der Technischen Uni Dresden: "An einem Beispiel einmal vereinfacht dargestellt: Popper hätte den Mangel an Frauen in Führungspositionen mit einer Frauenquote angegangen und dann überprüft, ob sich so eine ausgeglichenere Verteilung einstellt (u.U. nach einer Zeit, in der es nicht funktioniert, diesen Ansatz als falsifiziert verworfen), während die Frankfurter Schule wohl eher dafür plädiert hätte, die unterliegenden patriarchalischen Strukturen aufzudecken und zu beseitigen."

Nehme ich dieses Beispiel einmal auf, dann ist die Existenz der heutigen Tafeln eine Notwendigkeit  nach Popper, gleichzeitig aber ergänzt durch die Bewegung derjenigen, die mit Adorno die zugrundeliegenden und verursachenden ökonomischen Missstände aufdecken und mit konkreten Verbesserungsvorschlägen angehen mit dem Ziel, die Tafelbewegung überflüssig zu machen.

"Erst indem ich etwas kritisiere, setze ich es ja nicht einfach nur wie etwas mir völlig Fremdes aus mir heraus, sondern ich erkenne vor allem meine Beziehung hierzu, werde mir erst hierdurch meiner selbst gewahr."

Um etwas zu kritisieren, muss ich zuerst ein konkretes Problem erkennen können. Aber wenn das sogenannte "falsche Bewusstsein" (ein irrendes, der Problemstellung nicht adäquates) völlig daneben liegen kann, obwohl von der "Wahrheit" der Sache völlig überzeugt, dann zeigt sich hier der gesellschaftliche Widerspruch in der konkreten Individualität der vereinzelten Menschen. Allerdings bedarf es wahrlich keiner dialektischen Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, um deren Widersprüche aufzudecken. Denn die Widersprüche zeigen sich unübersehbar an den Ergebnissen dieser Ökonomie.

Zustimmen würde ich der Annahme, dass es keine wertfreie Wissenschaft gibt. Das bedeutet aber (für mich) wiederum nicht, dass die Wissenschaft die "Freiheit der Forschung" (verstanden als nicht zielgerichtete, ergebnisorientierte Forschung) den Ideologien einseitiger Wertvorstellungen unterstellen sollte. Andererseits muss sich der Wissenschaftler aber immer bewusst sein, dass seine Forschung keine beliebige "Spielwiese" ist und letztlich den Interessen aller zu dienen hat! Meint: Mitverantwortung als gesellschaftliches Mitglied über den Rand seiner unmittelbaren Forschung hinaus.

Bild des Benutzers Delloc

"Andererseits muss sich der Wissenschaftler aber immer bewusst sein, dass seine Forschung keine beliebige "Spielwiese" ist und letztlich den Interessen aller zu dienen hat! Meint: Mitverantwortung als gesellschaftliches Mitglied über den Rand seiner unmittelbaren Forschung hinaus."

Sei mir nicht böse, aber wenn es nicht unglaublich naiv ist, kann es nur zynisch gemeint sein...

Bild des Benutzers pleifel

Das wäre der Vorschlag aus der Kritischen Theorie, die ja ein subjektive ist. Andererseits sind Selbstverständlichkeiten bereits so ungewöhnlich, dass sie heute als unglaubwürdig erscheinen mögen, dass zumindest zeigt mir deine Reaktion.

Eine aufbauende, weiterführende Diskussion erfordert zum einen gewisse Grundlagen der Diskurskultur, die zudem entsprechende Zeit erfordert, die dem Gegenstand des Gesprächs angemessen ist, also mehr als nur Bruchstücke in den Ring zu werfen, die dann außer einem hin und her der Einwürfe und Zitate kaum einen konsistenten Gedankengang zulassen. Außerdem wäre zu kritisieren, dass die Sachebene immer mal wieder verlassen wird, um ins Persönliche abzugleiten.

Aber ich mache dem mal ein Ende hier, denn ich denke die Zeit lässt sich für mich konstruktiver mit den Büchern der Denker selbst verbringen, die die Erkenntnis vorangetrieben haben. Anders ausgedrückt: die ungefilterte Verbindung mit den Ursprüngen erscheint mir sinnvoller. Hier wird mir zuviel an der Bestärkung eigener Vorurteile gebastelt und nicht der Vorteil unterschiedlich vertretener Positionen erkannt.

Bild des Benutzers Delloc

"Hier wird mir zuviel an der Bestärkung eigener Vorurteile gebastelt und nicht der Vorteil unterschiedlich vertretener Positionen erkannt."

Ja, das sind Gedanken, die sich mir auch immer wieder aufdrängen - beim Lesen von @Pleifel besonders.

Bild des Benutzers pleifel

Du springst auch gleich über jedes "Stöckchen", dass man Dir hinhält. Ich hätte Dir also den Satz als Vorlage zum Kopieren gleich einstellen sollen. Entschuldige den Dir dadurch entstandenen Mehraufwand.