18 Jan 2018

Quartalszahlen: "Geht sterben!"

Submitted by ebertus

Der nicht wenig ironisch gemeinte Ratschlag von Stefan Niggemeier an die Printmedien erfolgte nach meiner Erinnerung bereits 2009, also lange bevor dieser Sterbeprozess im Frühjahr 2014 so richtig Fahrt aufnahm, die Masken fielen, alle Dämme einer bis dato eher subtil ausgerollten Propaganda dann brachen.


Dabei ist Niggemeier kein Alternativer in Sachen Medienkritik, eher ein strammer Systemer und nach meinem Eindruck auch ein Freund der öffentlich-rechtlichen Propagandamedien. So durfte sich die Publikumskonferenz bereits 2015 über einen Artikel von Niggemeier freuen und dessen aktuelles Projekt namens "Übermedien" scheint mir politisch ebenfalls absolut korrekt.

Dennoch, mit dem Ratschlag vom "sterben gehen" war Niggemeier seiner Zeit durchaus voraus, wurden die Auflagenverluste bis zum Frühjar 2014 primär technikzentriert erklärt, war mit dem Internet nun plötzlich ein anderes, für die Anbieter preiswerteres Modell der Werbevermarktung gegeben. Die andere Seite der Medaille und insbesondere für die im gesellschaftspolitischen Feld unterwegs seienden Großmedien war dagegen kaum Thema; bestenfalls als Verschwörungstheorie wie eben die von Noam Chomsky (Propagandamodell).

Nach 2007/08 und im Zuge der sog. Bankenkrise hatte das auch noch sehr gut funktioniert, wurden die "zu groß zum sterben" deklarierten Banken von den Staaten und mit propagandistischer Unterstützung der großen Medien einfach gerettet. Eigentlich wurde lediglich virtuelles Spielgeld gedruckt und das als alternativlos bezeichnete Casino ansonsten weiter betrieben, wurden grundsätzliche, gar systemkritische Fragen eher nicht gestellt. Und die alternativen Medien steckten noch in den Anfängen.

Ab 2014 und zuerst im Rahmen der Berichterstattung über den Putsch in der Ukraine, der wieder auferstandenen Friedensbewegung,  der sogenannten Montagsmahnwachen und später dem finanziellen Waterboarding von Griechenland, da war es dann plötzlich ganz anders. Kritische Fragen kamen auf und die alternativen Medien wurden zentrale Anlaufstellen jenseits der nun zunehmend erkennbar einheitlich und in der Regel systemkonform berichtenden Großmedien. 

Während die Öffentlich-Rechtlichen, über die GEZ-Zwangsgebühr abgesichert, weiter und immer offener zum Staatsfunk mutierten, so bekamen und bekommen die privatwirtschaftlich aufgestellten Großmedien nun zunehmend ein Problem, sinken einerseits die Auflagenzahlen der auf Papier gedruckten Zeitungen und Zeitschriften immer stärker, sind andererseits die gern und oft beschworenen Bezahlmodelle (Paycontent) nach wie vor ein eher unausgereiftes Nischenprodukt. Pfeifen im dunklen Wald ist dabei die primäre Art und Weise der Verlage, hier Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. Nicht zuletzt, auch mit der Anzeigenvermarktung sieht es trübe aus.


Ausgewählte Zahlen (Abo und Einzelverkauf) der gesellschaftpolitisch relevanten Medien im 4. Quartal 2017:

Der Stern verliert gleich mal 15 Prozent und der Spiegel darf sich über seinen Verlust von lediglich 7,1 Prozent wohl sogar noch freuen. Erst recht der von mir kaum ernsthaft beachtete Focus, bei dem es diesmal nur um 3,6 Prozent abwärts geht. Gleich unter dem Focus ist das c't magazin zu finden, diesmal ebenfalls mit einem stattlichen Minus: 6,3 Prozent. Das mag -spekulativ- schon interessant sein, steht dahinter doch der Heise-Verlag, welcher mit Telepolis ein gesellschaftspolitisch durchaus relevantes (kostenloses?) Online-Portal betreibt. Und genau da liegt die Crux, bekam und bekommt nach meinem Eindruck auch Telepolis zunehmend einen systemkonformen, in Einzelfällen antideutschen Drall; ist über Zahlungsverweigerung dahingehend jedoch nicht einzubremsen. Die Kommentare eben dort unter diesen Tendenzbeiträgen sprechen oft für sich ...

Abschließend hier, so ist es nach wie vor erstaunlich, welche Auflagenzahlen diese vielen TV-Zeitschriften erreichen; ist (mir) unklar

Bei den überregionalen Tageszeitungen gleicht sich das Bild nahezu dem der letzten Quartale. Die Zeitungen des Springer-Konzerns und die FAZ verlieren stark, ebenso und einmal mehr das Neue Deutschland (ND), während die taz (als Genossenschaftsmodell) nur moderat Federn lassen muss, die Süddeutsche (SZ) noch weniger. Ähnlich sieht es bei den Wochenzeitungen aus, sind Springer und die FAZ/FAS deutlich im Minus, währen die ZEIT sich halten kann.

Sowohl zur SZ wie auch zur ZEIT (und dem Handelsblatt) verweist der Meedia-Begleittext auf die deutliche Zunahme von sogenannten "e-papers"; was zukünftig doch zu hinterfragen sein wird. Beispielsweise, ob diese e-papers neue, gar rein digitale Abos betreffen, oder werden dort vorhandene Printabos gegen einen geringen Aufschlag lediglich aufgewertet, ausgetauscht. Ausdifferenzierte Zahlen sind mir nicht bekannt, werden möglicherweise auch nicht im Detail veröffentlicht; wohl mit gutem Grund ...

Das Handelsblatt kann man in dem Zusammenhang nicht wirklich vergleichen, war und ist es nach meiner Kenntnis primär ein Medium, welches sich an Unternehmenkunden, Handwerksmeister und andere Selbsständige richtet; die Firma somit das Abo zahlt.
 

Wenn man eine Prognose wagen wollte, dann diese:

Ernsthaft gefährdet scheint mir das Neue Deutschland, halten diese massiven Verluste bereits über mehrere Quartale an, hat wohl auch der mit viel Hoffnung gestartete Tom Strohschneider seinen Platz als Chefredakteur wieder aufgegeben. Politisch steht das Blatt nach meinem Eindruck fest auf der Seite der Realo-Linken um Kipping und Riexinger, muß die Positionen dieser weitgehend bereits eingemeindeten Linken ebenso verkaufen wie die taz die Positionen der Olivgrünen -  hin zu systemfrommer Angepasstheit.

Den Springer-Verlag mögen die Verluste von Bild und Welt zwar psychologisch schlecht aussehen lassen, verdient der Verlag und wie bereits mehrfach zu lesen war, sein Geld überwiegend nicht mehr mit dem Mediengeschäft im engeren Sinne. Und die übrigen, kleinen, regionalen Medien sind eh bereits verkauft.

Hinter der Frankfurter Allgemeinen steht die FAZIT-Stiftung, ist daher auch bei weiter sinkenden Auflagen kaum Gefahr gegeben.

Und die taz als Genossenschaftsmodell ist sowieso eher ideologisch, denn betriebswirtschaftlich grundiert.

Für den Spiegel dagegen (und auch den Stern) dürfte es zunehmend eng werden. In beiden Fällen hat der breit aufgestellte Medienkonzern Gruner&Jahr einen gewissen Einfluß auf die betriebswirtschaftlichen Belange (beim Stern wohl gar sehr substantiell) und dürfte die Zahlen, auch die perspektivisch erwartbaren gut kennen. Den Stern habe ich  (im Wartezimmer meiner Augenärztin) nach Jahren mal wieder in die Hände bekommen, verfolge den auch nicht online. Beim Durchblättern des dünnen und dennoch reichlich bebilderten Heftchens fragte ich mich schon, wer das noch kauft, dafür Geld ausgibt.

"Spiegel Online ist eine Schande für den deutschen Journalismus" titelt Norbert Häring und meint wohl auch "geht sterben!" Die final dann nicht unwesentlichen Sargnägel spielen aus meiner Sicht der auf jugendlich geschminkte (kostenlose) Ableger namens bento, sowie das die bereits gewesenen Tagesmeldungen nochmals wiederkäuende (kostenpflichtige) Spiegel Daily. Da brauchen sich weder Margarete Stokowski noch Sascha Lobo ernsthaft anstrengen ...

- - - - -


Überregionale Zeitschriften und Magazine

Überregionale Tages- und Wochenzeitungen

Regionale Tageszeitungen (folgt ... ist erfolgt)

- - - - -


Zum Kommentarstrang für diesen Blog: hier entlang ...