9 Feb 2018

Theo­rie einer urba­nen Revo­lu­tion – Henri Lef­eb­v­res „Das Recht auf Stadt“

Submitted by hadie

Ehren­amt­li­che sozio­kul­tu­relle Pro­jekte haben es schwer in Halle. Das Hasi hat sei­nen Miet­ver­trag ver­lo­ren und soll wohl an den Stadt­rand ver­drängt wer­den. Das tra­di­ti­ons­rei­che La Bim am Töp­fer­plan muss räu­men und fin­det kein neues Quar­tier.

Der Stadt­gar­ten Glaucha des Post­kult-Ver­eins muss gehen, weil die Eigen­tü­mer dort selbst bauen wol­len. Die Freunde der Stadt­bi­blio­thek müs­sen aus­zie­hen, weil der Eigen­tü­mer mit ande­ren Nut­zun­gen mehr Geld ver­die­nen will. Die Rock­sta­tion ist nun schon fast ein Jahr obdach­los, dem Rock­pool geht es auch nicht gut. Obwohl es struk­tu­rell eine linke Mehr­heit im Stadt­rat gibt, wird von der Stadt­ver­wal­tung eine stramm wirt­schafts­li­be­rale Immo­bi­li­en­po­li­tik gemacht, von und mit zwei­fel­haf­ten Bera­tern und eli­tä­ren Kun­gel­run­den.
Die Gen­tri­fi­zie­rung bzw. Gen­tri­fi­ka­tion hat Halle erreicht – per Defi­ni­tion der sozio­öko­no­mi­sche Struk­tur­wan­del bestimm­ter groß­städ­ti­scher Vier­tel im Sinne einer Attrak­ti­vi­täts­stei­ge­rung für eine neue Kli­en­tel und dem anschlie­ßen­den Zuzug zah­lungs­kräf­ti­ger Eigen­tü­mer und Mie­ter. Gleich­zei­tig wer­den weni­ger zah­lungs­kräf­tige Ein­woh­ner und sozio­kul­tu­relle Akti­vi­tä­ten in die Rand­be­zirke ver­drängt.

Wider­stand dage­gen regt sich vor allem unter der Über­schrift „Recht auf Stadt“. Doch wie wäre die­ses Recht zu begrün­den und durch­zu­set­zen? In einer com­pu­te­raf­fi­nen Umge­bung bekommt man auf der­art offene Fra­gen gerne eine Abkür­zung zur Ant­wort: RTFM!

Lies das ver­fluchte Hand­buch!

Die­ses Hand­buch gibt es: Henri Lef­eb­v­res Grund­la­gen­werk „Das Recht auf Stadt“ ist Mitte 2016 end­lich in deut­scher Über­set­zung erschie­nen. Den träu­men­den und pro­tes­tie­ren­den Pari­ser Stu­den­ten von 1968 lie­ferte der Essay die theo­re­ti­sche Grund­lage. Der Stadt­so­zio­loge Henri Lef­eb­vre (1901−1991) war bereits 1958 aus der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei aus­ge­schlos­sen wor­den. In der Folge ent­wi­ckelte er die raum- und zeit­be­zo­gene Theo­rie einer urba­nen Revo­lu­tion außer­halb von Par­tei, Gewerk­schaft und Arbei­ter­klasse.Henry

1968 war auch das Jahr des Ein­marschs des War­schauer Pakts in die Tsche­cho­slo­wa­kei, was es den rebel­li­schen Stu­den­ten unmög­lich machte, in irgend einer Weise „mos­kau­treu“ zu sein. In diese Lücke sprang nun die „Situa­tio­nis­ti­sche Inter­na­tio­nale“ mit ihrem Vor­den­ker Lef­eb­vre. Der Meis­ter arbei­tete inzwi­schen füh­rend beim fran­zö­si­schen Kul­tur­ra­dio, hatte enge Kon­takte mit diver­sen Künst­ler­grup­pen und Auto­ren, die Lef­eb­v­res Theo­rie der Momente auf­nah­men und gemein­sam eine uto­pi­sche „Archi­tek­tur der Situa­tion“ ent­wi­ckel­ten.

Die uto­pi­sche Stadt New Baby­lon hieß zunächst Déri­ville – Umher­schweif­stadt. Die Situa­tio­nis­ten defi­nier­ten ihren Urba­nis­mus, erfan­den das Umher­schwei­fen als Kunst und Wis­sen­schaft. Was im deutsch­spra­chi­gen Raum die Ent­ste­hung eines neuen Hoch­schul­fa­ches anregte: die Spa­zier­gangs­wis­sen­schaft, Pro­me­na­do­lo­gie oder eng­li­sch „Strol­lo­logy“. Die treu­deut­sche Spa­zier­gangs­wis­sen­schaft forscht und lehrt heute zumeist auf Eng­li­sch. In Frank­reich wur­den die Pro­teste von 1968 ein­ge­hegt, grund­le­gende Refor­men fan­den nicht statt, wenigs­tens wur­den die Min­dest­löhne der Arbei­ter erhöht. Die Situa­tio­nis­ten lös­ten sich 1972 auf, ihre an den Sur­rea­lis­mus ange­lehnte Male­rei lebte wei­ter, die ver­spiel­ten Stadt­ent­würfe und situa­tio­nis­ti­schen Schrif­ten ver­mehr­ten sich flei­ßig.

Eine zweite Welle der Lef­eb­vre-Ideen schwappte nach der poli­ti­schen Wende in Ost­eu­ropa von Frank­reich aus in Rich­tung Wes­ten. 1991 wurde Lef­eb­v­res „La pro­duc­tion de l’espace“ ins Eng­li­sche über­setzt. Die Wie­der­ent­de­ckung des Raums als Kate­go­rie des Den­kens regte auf ver­schlun­gene Weise die Occupy-Bewe­gung an.  Occupy Wall­street wurde noch bru­tal nie­der­ge­schla­gen. Das blitz­mo­derne Occupy Gezi ver­netzte krea­tiv die Kämpfe der ein­zel­nen Vier­tel in Istan­bul – unter dem Slo­gan „Recht auf Stadt“. Die hier­bei ent­wi­ckelte „revo­lu­tio­näre Pra­xis“ wurde migran­ti­sch grun­diert beson­ders im Ham­bur­ger Gän­ge­vier­tel rezi­piert, wie Chris­toph Schä­fer in sei­nem Vor­wort zu „Das Recht auf Stadt“ anschau­lich schil­dert.

Occupy Rau­schen­bach-City!

Heute gibt es kaum einen städ­ti­schen Pro­test, der nicht auf die Parole „Recht auf die Stadt“ zurück­greift, stellt der Ber­li­ner Stadt­so­zio­loge And­rej Holm fest. Gemeint ist ein Recht auf Zen­tra­li­tät und Teil­habe an den Qua­li­tä­ten und Leis­tun­gen der urba­ni­sier­ten Gesell­schaft, ein Recht auf kol­lek­tive Wie­der­an­eig­nung des städ­ti­schen Raums durch buch­stäb­lich an den Rand gedrängte Grup­pen. Lef­eb­vre kri­ti­sierte die for­dis­ti­sche Stadt der klas­si­schen Moderne. Heute haben wir es mit der „neo­li­be­ra­len“ Stadt zu tun, die mit neuen Pro­duk­ti­ons­wei­sen die Pro­du­zie­ren­den ver­ein­zelt, gegen­ein­an­der aus­spielt und neue Aus­schlüsse pro­du­ziert.

„Für die dau­er­haft öko­no­mi­sch Aus­ge­schlos­se­nen oder die aus gen­tri­fi­zier­ten Innen­städ­ten ver­dräng­ten Bewoh­ner, aber auch für die wach­sende Zahl der von restrik­ti­ver Ein­wan­de­rungs­po­li­tik betrof­fe­nen Migran­ten stellt sich die Frage nach der Teil­habe an der Stadt­ge­sell­schaft und ihren Res­sour­cen in sehr unmit­tel­ba­rer Weise“ meint And­rej Holm, der 2017 auch die Grün­dung der Hal­le­schen Gruppe von „Recht auf Stadt“ beglei­tete.

Henri Lef­eb­vre. Das Recht auf Stadt. Aus dem Fran­zö­si­schen von Bir­git Altha­ler. Edition Nau­ti­lus. Ham­burg 2016. Taschen­buch 18,- €. eBook 15,- €

zuerst erschienen in Hallesche Störung Online 2/2018

Da dieser Artikel ungefragt verändert wurde, hier der Inhalt noch einmal als einfacher Link: https://hafenstrasse7.noblogs.org/

Kommentare

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Hier in MeckPomm sind wir froh, wenn hin und wieder eine Straße repariert wird und die Schulferien vorbei sind, denn dann fährt hier wieder ein Bus.

Allgemein ist die Infrastruktur in Städten besser, als auf dem Land. Das liegt daran, daß die Städte ein höheres Steueraufkommen haben. Zweifelsfrei können wir jetzt darüber debattieren, wie das Steueraufkommen verteilt wird, denn das ist die Kehrseite der Medaile. Dazu bedarf es aber einer Abwägung beider Interessen, der Stadt und der Nutzer von Infrastruktur.

In deinem Artikel fehlt mir die Argumentation der Stadt.

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PS: Dein Copy and Past zur Hasi-Info hatte die Style-Struktur dieses Blog zerschossen. Bernd hat den Fehler behoben, das hättest du auch im Editor-Quellcode selbst tun können, hast es aber nicht getan.

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Antwort auf Heinz  zum Kommentar Du hast Sorgen
 

Ich fand den Hasi oben rechts beinahe Ok, beinahe eine Herausforderung; zum Schmunzeln ...

Ja, habe ihn dann "verändert", den Schadcode entfernt - was eine technische Frage war, keine inhaltliche Wertung sein soll.

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Antwort auf ebertus  zum Kommentar Nun lass' mal, Heinz
 

Vielleicht sollten wir doch mal so ein Fucking Manual schreiben, damit sich die Feld-, Wald- und Wiesen-User nicht so aufblasen müssen.

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Antwort auf ebertus  zum Kommentar Nun lass' mal, Heinz
 

Ja, habe ihn dann "verändert", den Schadcode entfernt

Bei dem Band = support ribbon bin ich nach Anleitung vorgegangen, in der der HTML-Schnipsel durchaus für Wordpress-Systeme empfohlen wurde. Ein "Schadcode" wäre etwas anderes, diese kleinen Späße sind mittlerweile allgemein üblich, um sich von den Copy&Paste-Recken abzuheben.

https://hafenstrasse7.noblogs.org/support-ribbon/

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Antwort auf hadie  zum Kommentar Hasi digital supporten
 

Das war der unverträgliche Teil:

«style='position: fixed; top: 0; right: 0;»

weil sich diese Anweisung auf die ganze Seite bezieht und nicht auf den Block.

«position:relative» wäre besser.

Die Regel ist, daß sich unterschiedliche Blog-Systeme nicht vertragen müssen. Dein Copy&Paste funktioniert möglicherweise  innerhalb von WordPress, dieser Blog baut aber auf Drupal auf.

Ob sich dein Copy&Paste mit Drupal verträgt, kannst du selbst leicht am Ergebnis prüfen und ggf. korrigieren oder vom Admin korrigieren lassen – dafür haben wir hier die PN.

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Antwort auf hadie  zum Kommentar Hasi digital supporten
 

... mit position:relative; im Artikel oder Kommentar smiley


HaSi bleibt!
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Antwort auf Heinz  zum Kommentar Du hast Sorgen
 

In deinem Artikel fehlt mir die Argumentation der Stadt.

Die neoliberale Stadt argumentiert nicht, sie schafft Tatsachen, trennt sich von unrentablen Beteiligungen. Der OB spricht vom "Konzern Stadt", der sich soziale Sentimentalität nicht leisten könne. "Streubesitz" der städtischen Wohnungsgesellschaften ist auch unter Verlusten abzustoßen. Mittlerweile gibt es gar keine geeigneten Objekte für soziokulturelle Initiativen mehr. Deshalb ist die Hafenstraße Sieben auch so wichtig, weil sie sich nicht kleinlaut vom Hof jagen lässt.

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Antwort auf hadie  zum Kommentar Unrentable Beteiligungen
 

Das ist doch schon mal etwas Butter an die Fische. Da brauchst du nur noch die einzelnen Positionen deines lieben Bürgermeisters zu zerpflücken, möglichst die, die ihm besonders weh tun. Solche Typen hast du überall und auf den Hochschulen, an denen die gedrillt wurden produzieren die weiter den gleichen Mist. An Schulen wird nur noch auf PISA gedrillt und alle Bereiche, die der rechten Hirnhälfte entsprießen sind lahmgelegt.

Studieren an Hochschulen in Halle / Saale

Such dir die Positionen aus des Bürgermeisters Soldbuch:

Steuereinnahmen und Schuldenstand

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Antwort auf Heinz  zum Kommentar Butter an die Fische
 

Sicher könnte ich mich jetzt an allerlei Kleinkram abarbeiten, aber die Stadtkasse ist leer, hängt voll im Dispo, der hier Kassenkredit genannt wird. Da verzettelt man sich leicht, deshalb die eine klare Forderung: HASI BLEIBT!

Wem der Lefebvre zu schwer ist, kann sich auch mit Michael Foucault behelfen: Im Spannungsfeld neoliberaler Governance und Recht auf Stadt eignen sich Menschen immer wieder urbane Räume an, um dort eigene Utopien städtischen Lebens zu verwirklichen. Diese verwirklichten Utopien bezeichnet Michel Foucault als Heterotopien (In Halle gibt es eine Raumbühne Heterotopia). »Unter all diesen verschiedenen Orten gibt es nun solche, die vollkommen anders sind, als die übrigen. Orte, die sich allen anderen widersetzen und sie in gewisser Weise sogar auslöschen, ersetzen, neutralisieren oder reinigen sollen. Es sind gleichsam Gegenräume« (Foucault). Foucaults Entwurf  von  Heterotopie geht zurück auf seine Überlegungen aus dem Werk »Die Ordnung der Dinge« (Les Mots et les chose). Dort beschreibt er Heterotopien als sprachliche Formationen, die den Sinn herkömmlicher und etablierter Sprach- und Sinnzusammenhänge »untergraben«, anhand einer durch Borges (1966) frei erfundenen chinesischen Tierencyclopädie, welche Tiere in 14 Kategorien unterteilt:

»a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Trolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen«

(Foucault  weiter:) »Bei  dem  Erstaunen  über  diese  Taxinomie  erreicht  man  mit  einem  Sprung, was in dieser Aufzählung uns als der exotische Zauber eines anderen Denkens bezeichnet wird – die Grenze unseren Denkens: die schiere Unmöglichkeit, das zu denken«. Diese Unmöglichkeit des Denkens bezeichnet Foucault als Heterotopien und verortet sie in der »Ortlosigkeit der Sprache«. Einen direkten Raumbezug stellt Foucault erst später in einem Radiobeitrag mit dem Titel »Die Heterotopien« (Les Hétérotopies) aus dem Jahre 1966 (unter Kulturradio-Chefchen Lefebvre) her. Diese Gegenräume werden in zwei Typen unterteilt: Utopien und Heterotopien. Im Gegensatz zu Utopien sind Herterotopien räumlich lokalisierbar, Heterotopien sind wirksame  Orte,  die  sich  in  der  realen  Welt  manifestiert  haben  und  somit  tatsächlich  geortet  werden  können,  sich  aber  durch  ihre  Funktion  als  Gegenräume von  anderen  Orten  abgrenzen  und  unterscheiden.

Nicht ganz einfach, aber es können ja nicht alle überall mit Öcalan-Fahnen herumspringen ...

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Antwort auf hadie  zum Kommentar Voll im Dispo
 

Wenn du dem (nackigen) Bürgermeister wegen leerer Kassen nicht in die Tasche greifen kannst, bleibt das Land Saxen Anhalt. In Halle gibt es Hochschulen und einen entsprechenden kulturellen Auftrag. Da sollten Kooperationen zum Erhalt der Infrastruktur zwischen Land, Hochschulen, Studenten-Organisationen, Stadt und Unternehmen durchaus denkbar sein. Das bedeutet tingeln für Fundraising, um z.B. das Hasi mit einem Trägerverein zu finanzieren. Sowas scheint mir zumindest sinnvoller, als eine Parteispende.