17 Jul 2018

Die verschwiegene GI-Revolte

Submitted by fahrwax

Das der Vietnamkrieg nicht allein an der Unbesiegbarkeit der geschundenen Vietnamesen scheiterte, ist eigentlich ein offenes Geheimnis.

Die realen Hintergründe werden - bis heute naheliegend - noch immer gern unter den Tisch gekehrt.

Der US-Imperialismus scheiterte in Vietnam nicht zuletzt an innerer Sabotage, Desertation & offener Revolte - an der geistigen Entwicklung von GI's und der Zivilbevölkerung.
 

Bis vor kurzem existierte dazu allein spärliches, englichsprachiges Material und der Film dessen Plakat oben eingefügt ist.

Nun hat sich die "Neue Debatte" um die Übersetzung und das Zusammentragen von Fakten, in einem lesenswerten längeren Artikel, verdient gemacht.

Hier nur wenige, aber prägnante Auszüge:

“1970 zählte die US-Armee 65 643 Deserteure, was grob etwa vier Infanteriedivisionen entspricht. In einem Artikel, der im Armed Forces Journal erschien (7. Juni 1971) schreibt Marine Colonel Robert D. Heinl Jr., ein altgedienter Kampfbefehlshaber mit mehr als 27 Jahren Erfahrung bei den Marines und Autor von Soldiers of The Sea, einem Standardwerk zur Geschichte der Marineinfanterie:

„Nach allen erdenklichen Indizien ist unsere in Vietnam verbleibende Armee in einem Status, der sich dem Zusammenbruch nähert, wobei einzelne Einheiten Kampfhandlungen aus dem Wege gehen oder diese verweigert haben, ihre Offiziere und Unteroffiziere umbringen, drogenbeherrscht und entmutigt, wenn nicht nahezu meuterisch. Außerhalb von Vietnam ist die Situation fast genauso bedenklich … Aufruhr, gepaart mit Unzufriedenheit innerhalb der Reihen, von außen angefacht mit einer bislang undenkbaren Kühnheit und Intensität, überschwemmt die Streitkräfte …“

Heinl zitierte die Aussage eines Freiweilligen aus einem Artikel der New York Times:

„Die amerikanischen Garnisonen auf den größeren Basen sind praktisch entwaffnet. Die Berufssoldaten haben uns die Waffen weggenommen … Es gab auch durchaus einige Fälle von Fragging im Bataillon.“

Frag incidents oder Fragging waren im Soldatenslang Vietnams Begriffe für die Ermordung von strengen, unbeliebten und aggressiven Offizieren und NCOs (Non-Commissioned Officers bzw. non-coms = Unteroffiziere). Der Ursprung des Wortes liegt darin, dass gewöhnliche Soldaten Splittergranaten (fragmentation grenades) verwendeten, um damit Offiziere auszuschalten. Heinl schrieb:

„Es wurde weithin berichtet, dass durch Zusammenlegen von Beträgen zwischen $50 und $1.000 Belohnungen auf die Köpfe von Anführern ausgesetzt wurden, die die gemeinen Soldaten und SP4s [5] ausradieren wollen.“

Kurz nach der verlustreichen Schlacht am Hamburger Hill Mitte 1969 bot eine der Soldaten-Untergrund-Zeitungen in Vietnam, GI Says, öffentlich ein Kopfgeld von 10.000$ für Lieutenant Colonel Weldon Hunnicutt, den Offizier, der den Angriff angeordnet und angeführt hatte.

„Das Pentagon hat jetzt mitgeteilt, dass es 1970 (209 Morde) mehr als doppelt so viele Fraggings gab wie im vorangegangenen Jahr (96 Morde). Die Kenntnis vom Tod der Offiziere wird Jubel in Truppen-Kinos oder Feldlagern bestimmter Einheiten hervorrufen.

1973 kamen Kongressverhandlungen zu Fraggings zu der Einschätzung, dass 3 % der Todesfälle von Offizieren und Unteroffizieren in Vietnam zwischen 1961 und 1972 das Ergebnis von Fragging waren. Diese Zahlen bezogen sich jedoch nur auf Tötungen, die mit Granaten verübt worden waren und schlossen Offiziersmorde durch automatische Waffen, Handfeuerwaffen und Messerstechereien nicht mit ein. Der Generalanwalt des Armeekorps’ der Streitkräfte vermutete, dass in nur 10 % der Fragging-Versuche irgendwer angeklagt wurde. Man schätzte, dass es in der America I Division, die unter schlechter Kampfmoral litt, einmal pro Woche zu Fragging kam. Kriegsgerät wurde häufig sabotiert und zerstört.

Der Drogenkonsum verbreitete sich seuchenhaft, wobei sich geschätzt 80 % der Truppen in Vietnam irgendwelcher Drogen bedienten. Irgendwann Mitte 1970 wurden enorme Mengen Heroin auf den Schwarzmarkt gekippt und die Soldaten waren empfänglich für seinen einhüllenden Rausch. Ende 1971 waren mehr als 30 % der Kampftruppen heroinabhängig.

Weiterlesen und die größeren Zusammenhänge erfahren unter

https://neue-debatte.com/2018/07/07/gi-resistance-widerstand-von-us-soldaten-im-vietnamkrieg/

 

Das Fazit das bei der "Neuen Debatte" am Ende des Artikels gezogen wird, muss hier aber unbedingt noch angefügt werden:

 

"Die Geschichte dieser olivgrünen Aufständischen wird uns von den Herrschenden weitgehend vorenthalten, denen es lieber wäre, ihre Lehren wären vergessen. Dass nämlich die Macht des schlagkräftigsten Militärs der Welt nichts mehr wert ist, wenn Arbeiter sich weigern zu töten oder ihre Kollegen zu tyrannisieren, und dass die einzige Loyalität, die uns trägt, nicht die gegenüber unseren Ländern, unseren Generälen oder unseren Flaggen ist, sondern die gegenüber unserer Klasse."

Kommentare

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In den 1960ern lebte und studierte ich in Karlsruhe, wo ein Teil der GIs auf den Einsatz in Nam vorbereitet wurde. Einige erzählten mir, daß ihre Ausbilder ihnen sagten, das sei in Nam wie Affen jagen.

Die GIs waren wehrpflichtige Arbeiter, Angestellte und Akademiker, denen Lügengeschichten erzählt wurden. Da lag es nahe, die Ursache der offensichtlichen Lügen, ihre militärischen Vorgesetzten, zuerst zu beseitigen.

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Antwort auf Heinz  zum Kommentar Affen jagen
 

"Wehrpflicht" ist ein ebenso bescheuertes Wort wie "die Freiwilligen" - niemand muss sich wehren, außer er will es und wie freiwillig handelt ein Militarist im unverzichtbaren Broterwerb????

"Es gibt die häufig anzutreffende falsche Vorstellung, dass die Eingezogenen die aufsässigsten Elemente innerhalb des Militärs darstellten. Tatsächlich waren es aber oft die Freiwilligen, die am ehesten im offenen Widerstand aktiv wurden.

Eingezogene waren nur für zwei Jahre dabei, gingen mit den schlimmsten Erwartungen in den Krieg und hielten ihre Köpfe gesenkt, bis sie wieder aus der Uniform rauskamen. Sicherlich entfernten sich viele Eingezogene unerlaubt von der Truppe und beteiligten sich an Widerstandsgruppen, wenn diese sich formierten, doch es waren die Freiwilligen, die am wütendsten waren und am wahrscheinlichsten dieser Wut nachgaben und handelten."

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Antwort auf fahrwax  zum Kommentar Nicht allein die "Wehrpflichtigen"
 

Neue Debatte: GI resistance – Widerstand von US-Soldaten im Vietnamkrieg

Wenn du schon zitierst, dann bitte mit Quellenangaben, sonst wird das Bullshit.

Wehrpflichtige und Freiwillige sind die hier üblichen Bezeichnungen und zu meiner Zeit war das Verweigern S T R A F B A R.

Mit einer S T R A F T A T war der Kriminelle V O R B E S T R  A F T. Damit war nicht nur Schluß mit Lustig, sondern auch mit der Karriere.

Deine spitzfindig gefundenen und ohne Qullenangaben und Zusammenhang eingestellten Traktate sind einfach albern.

 

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Antwort auf Heinz  zum Kommentar Bullshit
 

Natürlich bezieht sich mein vorhergehender Einwand (Texteinschub) auf die bereits im Artikeltext verlinkte Ursprungsquelle - der kursiv eingefügten Zitate - bei "Neue Debatte": das lesen der (mit der Aufforderung sie zu lesen) angefügten Quellen bildet oft enorm......

Aber hier dann sicherheitshalber noch einmal der bereits im Artikel angebene Link mit der nachgelieferten Passage zu den gängigen Irrtümern die "Wehrpflichtige" und "Freiwillige" betreffen:

https://neue-debatte.com/2018/07/07/gi-resistance-widerstand-von-us-soldaten-im-vietnamkrieg/

"Es gibt die häufig anzutreffende falsche Vorstellung, dass die Eingezogenen die aufsässigsten Elemente innerhalb des Militärs darstellten. Tatsächlich waren es aber oft die Freiwilligen, die am ehesten im offenen Widerstand aktiv wurden.

Eingezogene waren nur für zwei Jahre dabei, gingen mit den schlimmsten Erwartungen in den Krieg und hielten ihre Köpfe gesenkt, bis sie wieder aus der Uniform rauskamen. Sicherlich entfernten sich viele Eingezogene unerlaubt von der Truppe und beteiligten sich an Widerstandsgruppen, wenn diese sich formierten, doch es waren die Freiwilligen, die am wütendsten waren und am wahrscheinlichsten dieser Wut nachgaben und handelten."

Bullshit eben nicht - Zusammenhänge besser erfassen, bitte!  yesenlightened

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Antwort auf fahrwax  zum Kommentar Von mir aus dann eben albern
 

Politiker wählen gern beschönigende Begriffe für ihre Gewalt. Kofi Annan dagte:

«Krieg ist das größte Politikversagen.»

Die Politiker haben bereits in der Schule gelernt, das Krieg nur eine Politik mit anderen Mitteln sei. Auch du hast für diesen Schwachsinn einst Zensuren bekommen. Wir haben erlebt, wie Politiker Kriege inszeniert haben, um ihrer Waffenlobby Gewinne zu verschaffen und selbst daran zu verdienen – zumindes als nützlicher Idiot der Strippenzieher.

... und dann zerpflückst du lediglich Wörter wie Wehrpflichtiger und Freiwilliger. Ich bin ja nicht so blauäugig, daß ich das gesamte Militär abschaffen will;  ABER solange die Wehrpflicht besteht, gibt es keine Demokratie – N I R G E N D S !!!

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Antwort auf Heinz  zum Kommentar Abarbeiten an Banalem
 

......sollten schon gemeinsame (übereinstimmend) sein, sonst wird das nie nicht was mit dem Verstehen!

Aber das Thema der angeblich fehlenden Verlinkung haben wir immerhin endlich abgehakt - sehr gut.....

Deutsches Sprach schweres Sprach - bei aller Sympathie.

Zur Militärabschaffung wär's schon einmal entwicklungstechnisch fein, niemand ließe mehr sich vorschreiben wen er gefälligst umzunieten hätte.......

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Eine informative Seite, guter Link. Es gilt immer noch als Kurzfassung: nimmt keiner ´ne Waffe mehr in die Hand, lassen sich auch keine Kriege mehr führen. Wiederum das Recht auf Waffenbesitz zeugt von der Irrationalität von Teilen der amerikanischen Bevölkerung.

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Antwort auf Gast  zum Kommentar Neue Debatte
 

Waffenbesitz finde ich nicht irrational, wenn es darum geht sich zu verteidigen.....

Irrational finde ich Waffeneinsatz auf Befehl - mit einem <<Bewusstsein<< das eben nur knapp zur Befehlsannahme, verbunden mit einem narrativen Feindbild, taugt....

Besser ist ein Pazifismus der auf Klassenbewusstsein fusst - im Zweifel nicht an das eigene Popöchen, sondern an die ureigene Klasse (Mensch!) denkt meine ich damit.

Unmenschen existieren jedenfalls - was ist, wenn sie deutlich mörderisch handeln?

"So utopisch dies heute auch erscheint, so alternativlos ist es wohl. Bevor diese Ursache der Probleme nicht behoben ist, stehen Linke vor der Geduldsprobe: Schaffen sie es, auch unter gegenwärtigen Bedingungen menschlich und klassensolidarisch zu bleiben? Oder opfern sie beides für ein fernes Ziel, wobei fraglich ist, ob dieses so erreicht werden könnte."

https://www.rubikon.news/artikel/das-fluchtlings-dilemma

Antwort auf fahrwax  zum Kommentar Neue Debatten sind vorwiegend gut
 

gegen die, die dann keine Waffen haben? Scheint mir nicht logisch zu sein. Aber es müssen ja auch keine Schusswaffen sein, die Nudelrolle in der Küche erzielt auch "schlagende" Wirkung. Bei den Kindern wäre anzusetzen, aber wie soll das gelingen, wenn viele Eltern immer noch die Last ihrer eigenen Kindheitserfahrungen tragen. Es ist doch noch gar nicht lange her, wo Kinder schlagen noch zum Alltag gehörte und als probates Erziehungsmittel galt.

Für Pazifismus benötige ich kein Klassenbewusstsein, denn Gewaltanwendung ist sowohl primitiv als auch selbstgefährdend. Und nach dem ich deine Verlinkung gelesen habe, waren es doch gerade die Freiwilligen,die die militärische Zersetzung befördert haben. Ob das aber allein die Arbeiterklasse war?

An sich selbst denken, ist erst einmal nicht verkehrt. Denn wer seine eigene Verfassung nicht in Ordnung hält, kann schwerlich anderen Unterstützung bieten. Der Bibelspruch: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" lässt sich darauf auch so erklären:
1. eine gesunde Eigenliebe ist die Voraussetzung der Nächstenliebe,
2. niemand kann geben, was darüber hinaus geht (ansonsten hat es psychische Folgen).

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Antwort auf Gast  zum Kommentar Aha, verteidigen
 

Du lebst in einer Welt die von der Gewalt lebt - und du fährst die mörderische Gewalt im Tank deiner Blechbüchse (mit Gummiwalzen drunter, für schön crying) klaglos spazieren.

Was bitte möchtes du mir zur Gewalt gegen Unbewaffnete und Kinder dazu an neuen Primitivitäten berichten?

Du lebst in einer 'vorwerfbaren Selbstgefährdung' (ein Begriff aus dem bürgerlichen Gesetzbuch - also extra für dich! smiley!)

Deine Ordnung lebt von Gewaltmonopolisten - gucke doch einmal hin!

Zu den psychischen Folgen kannst du jeden Arzt oder Apotheker befragen - oder eben ein >>Klassenbewusstsein<< entwickeln.

Da wäre dann das eigene Popöchen nicht der Mittelpunkt der Welt, sondern nur einer von allen Schützenswerten.

"Arbeiterklasse" ist ein sehr weiter Begriff - so mancher Prolet hat selbst damals in Stalingrad nichts begriffen, rannte noch ewig mit einem Granattrichter in der Birne, als Zombie durch die Welt.

Denken immer - an sich selbst zuletzt, täte ich einmal sagen - schon auch wegen der Bibelfestigkeit.

Antwort auf fahrwax  zum Kommentar Unter welcher Glasglocke lebst du?
 

ich kürze es ab. Belassen wir es dabei: es erspart uns beiden Zeit.

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Antwort auf Gast  zum Kommentar Meine Güte,
 

Ja, Zeit soll ja angeblich auch Geld sein.......

Aber Geld & Angst sind für mich eben duraus verzichtbare, bürgerliche Besitztümer.

Antwort auf fahrwax  zum Kommentar Güte, Zeit & Geld
 

das beantwortet meinen Hinweis auf die Zeit. Und aus dem Mangel nun eine Tugend zu machen (auch wenn Du das nicht explizit so schreibst), lässt sich für die Prekären auch kein Nutzen ziehen, denn so sollte es ja nicht bleiben. Dieser "Übertragung" würden jene übrigens entschieden widersprechen!

Eines noch, Angst ist ein normales Gefühl, das zu einem gesunden Selbst gehört. Aber Ängste, die aus der prekären Existenz heraus resultieren, sollten nicht dazu gehören! Und Waffenbesitz zu begründen, weil mein Nachbar vielleicht auch eine hat und eine potentielle Gefahr darstellt, ist das Ergebnis einer kranken Psyche und befindet sich zudem in einem logischen Zirkel.

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Eine längere Version der filmischen Doku mit dem Titel "Sir, no Sir".

This feature-length documentary focuses on the efforts by troops in the U.S. military during the Vietnam War to oppose the war effort by peaceful demonstration and subversion. It speaks mainly.

Sir! No Sir! Trailer.

Sir No Sir (2005) Documentary.

In the 1960's an anti-war movement emerged that altered the course of history. This movement didn't take place on college campuses, but in barracks and on aircraft carriers. It flourished.