1 Sep 2018

„Und das ist gut so!“

Submitted by fahrwax

Der hier und heute publzierte, folgende Text ist Bestandteil eines Buches der Projektgruppe Interkulturelles Lernen an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel.

In diesem Buch beschreiben viele Schüler und Schülerinnen dieser Anstalt, auf 168 Seiten, ihre Herkunft aus 'aller Herren Länder' und die Werte die sie dieser BRD mitgebracht haben - welche Werte sie hier als gesetzt vorgefunden haben - sowie die Schlüsse die sie daraus für sich ziehen.


Der Titel dieses Buches "Große Texte von kleinen Leuten ....nebst Fotos und Plakaten", hält was er verspricht, stammt aus dem Jahr 2009 und ist von brennender Aktualität.

Es beinhaltet eine Vielzahl von Reflektionen zu der Situation von Menschen die in ihren jungen Jahren - zumeist sprachunkundig - in ein Land kommen dessen komplexe, hierarchischen "Spielregeln" sich auch der Mehrheit der hier eingeborenen nicht klaglos erschließt.

Das weite Spannungsfeld zwischen Assimilation und Emanzipation wird in allen enthaltenen Texten umfassend - auf einer köstlich persönlichen Ebene - abgehandelt.

Der einzig enthaltene Text aus dem Lehrkörper (mit "h" statt doppel "e" wie sonst von mir präferiert) dieser Schule wirft ein (hoffentlich) bezeichnendes Licht auf die etwas unangepasste Zielsetzung dieser Einrichtung zur Bildung.

Er wird hier, alles andere als zufällig sondern im gegebenen Kontext, als möglicher Maßstab einer kritisch-emanzipatorischen Sozialisation vorgetragen.

 

 

„Und das ist gut so!“

 

Meine Schulzeit liegt etwa über 45 Jahre zurück. Wohlgemerkt als Schüler ndH (nichtdeutscher Herkunft). Und als Gastarbeiterkind im zartenAltervon6JahrenineinermittelgroßenStadtimschönen Harz, 2.200 km Luftlinie vom nordspanischen Asturien entfernt, lebend. Die fast  kilometergenaue Entfernung  weiß ich deshalb noch so genau, weil wir Kinder jeden Sommer, wenn Schulferien waren, mit unseren Eltern ihren wohlverdienten„Heimaturlaub“mit einem vollgepackten Vorzeigeauto antraten und vor der Abfahrt und nach der Ankunft in Spanien den Kilometertacho ablasen.Ganze zwei Tage mit Übernachtungsstopp im damals ungeliebten Frankreich (unsere Eltern fanden das französische Essen miserabel, überteuert und überhaupt diese unverständliche frankophone Sprache) verbrachten wir als eilige Transitreisende mit einer mehr oder weniger nicht vorhandenen Anteilnahme an den schönen Städten, reizvollen Landschaften und kulturellen Sehenswürdigkeiten der durchquertenLänder. 

Deutschland wollten unsere Eltern mit Höchstgeschwindigkeit den Rücken kehren, weil das „wirkliche“ Leben für 6Wochen im 2.200km entfernten Traumland (trotz Franco-Spanien) stattfinden sollte. Im Rahmen dieses schmalen Zeitfensters wollten sie offenbar alles mit möglichst maximaler Intensität und Nachhaltigkeit nachholen, was ihnen dieses ökonomische Wunderland Deutschland ab den 60iger Jahren nicht bieten konnte oder wollte.Nicht die Arbeit sollte im Mittelpunkt einer kurzen menschlichen Lebensspanne stehen, so philosophierte unsere Mutter mit proletarisch-anarchistischer Überzeugung am Mittagstisch, vielmehr müsste im Vordergrund eines geglückten Lebens Werte wie Freude, Hoffnung, Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit stehen. 
Unser Vater schwieg meistens bei solchen Gesprächsanlässen und trank noch ein bisschen mehr als sonst vom importierten Rioja. Im Heimaturlaub spielte für ihn der Alkohol weitaus seltener die Rolle eines Trösters. Für unsere Mutter stellte sich die Depression als Folge und langjähriger Lebensbegleiter missglückter Integration ein. 
Wir selbst  haben eher ohne größere psychische  Schäden die globalisierungsbedingte Wanderbewegung von Spanien in den Harz überstanden. Dessen ganz sicher bin ich mir jedoch bis heute nicht! 

Mit sechs Jahren bin ich ohne Deutschkenntnisse in die Grundschule gegangen und konnte immerhin die Mittlere Reife erfolgreich einfahren. Die vielen Schäubles heute werden es nicht fassen können, aber das Beherrschen der deutschen Sprache allein ist nicht das Patentrezept  für den Schulerfolg. An diesem Erfolg waren unter anderem ganz engagierte Lehrer beteiligt, die sich unglaublich um uns „Exoten“ –zu diesem Zeitpunkt war allerdings die Anzahl ausländischer Schüler relativ übersichtlich-kümmerten. Nicht nur im Schulunterricht, sondern auch durch häufige Besuche bei unseren Eltern,um ihnen und uns Geschwistern wohlgemeinte Ratschläge zugeben oder aber auch nur aus Neugier, um zu sehen, wie es bei uns zu Hause zugehen mag. Sie zeigten immerhin Interesse und Teilhabe an unserem Leben. 

Besonders die herbeigezauberten kleinen „Tapas“ (kleine Essenshäppchen wie die Tortilla und Empanada) meiner Mutter und der obligatorische Abschiedstrunk mit einem guten „Magno“ (Cognac) haben unsere Lehrer als genussvolles Eintauchen in das spanische Lebensgefühl empfunden. Meine Eltern konnten gar nicht ahnen, dass sie durch ihre vorgelebte Gastfreundlichkeit unbewusst zum verlängerten Arm der PR-Abteilung für Tourismus in Spanien wurden. Jetzt haben sie den Salat: Ballermänner/-frauen, haufenweise dickbäuchige Badehosenträger, sonnenverkohlte Blondinen zum „Flach-legen“-lassen-wollen (so der Blick der „Latin-Lover“), die zivilisationsmüden Ex-68iger Studienräte auf der Aussteigersinsel La Gomera, die Immobilienspekulanten und die Diktatur des Massentourismus. 

Hätte ich diese Auswüchse von Deutschland aus in dieser Entwicklung mit kämpferischem Elan verhindern können? Kampferfahrungen hatte ich in der Schule reichlich gemacht.Die Hoheit über den Schulhof konnte ich dem Hausmeister, Aufsichtslehrer und letztendlich dem Schuldirektor streitig machen. Wer mich oder meinen kleineren Bruder blöd anguckte, der bekam meine Faustvisitenkarte deutlich ins Gesicht eingebrannt. Ich verschaffte mir so in den ersten Jahren der Integration Respekt und Wertschätzung,die ich nicht überschulische Leistungen bekam.Gewalt hat es an unserer Schule 
auch gegeben, aber auch eine stillschweigende Übereinkunft: Wer am Boden lag, hatte geloost -und 
aus. 

In den Folgejahren nahm meine Gewaltbereitschaft im umgekehrten Verhältnis zum einen merklich besser werdenden Leistungen in der Schule ab.Deutsche Freunde und gegenseitige Einladungen nach Hause wurden zur Selbstverständlichkeit.Und meine Eltern schienen sich von ihrem ersten kulturellen Schock in Deutschland langsam zu erholen. Trotzdem gab es auch damals Fluchtbewegungen in die so genannte Parallelgesellschaft. 

Spanische, italienische und jugoslawische Communities waren auch damals an der Tagesordnung. Wenn man seine originäre kulturelle, sprachliche und soziale Identität nicht auf den Opferaltar der 
Mehrheitsgesellschaft befördern will und kann, weil sie sich der Mensch „einverleibt“ hat, dann sollte man diese temporären Rückzugsmomente und Orte der Minderheitsgesellschaft tolerieren. Kulturelle Differenzen und zivile Formen der Abgrenzung sind die Regel und fundamental wichtig für eine lebendige multikulturelle Gesellschaft, damit sich deren Mitglieder auf gleicher Augenhöhe und gegenseitiger Wertschätzung wieder begegnen können. Heute haben meine Kinder und meine Frau jeder ein Zimmer, aber wir leben gemeinsam in der gleichen Wohnung. Mal sehen wir uns, mal zieht sich der eine oder andere zurück. Nähe und Distanz sind zwei Seiten einerMedaille:Leben und leben lassen in Respekt und Verantwortung gegenüber dem anderen. 

Lange habe ich es in dieser vor Fachwerkhäusern strotzenden Stadt nicht ausgehalten. Nach meiner Ausbildung als Hotelkaufmann und überdrüssig vom „Hotel-Mama“, zog ich nach Kassel. Mit dem 
Fachabi in der Hand, konnte ich das Studium an der damaligen GHK (Gesamthochschule Kassel) antreten. Das war für mich ein deutliches Zeichen des sozialen Aufstiegs, was mir meine Eltern auf 
Kosten ihrer Gesundheit und erlittener Kränkungen in Deutschland ermöglichten. „Ausländer nicht erwünscht oder kein Eintritt für Ausländer“, so ähnlich stand es oft auf den Aushängeschildern 
„kundenfeindlicher“ Gastwirte in Hannover, wo mein Vater über das deutsche Arbeitsamt für befristete Zeit im Auftrag einer deutschen Firma als importierte Arbeitskraft landete. Akkordarbeit, 
Barackenwohnbau, getrennte Wohnblöcke nach Geschlecht (auch für Verheiratete) und oben drauf dieser skrupellose Charme des Gastlandes Deutschland kennzeichneten die damalige Situation. 
Möglichst geringe soziale Infrastrukturkosten sollten der deutschen Gesellschaft durch den Import ausländischer Arbeitskräfte entstehen. Das können die Deutschen per excellence organisieren: Das 
provisorische Bleiberecht und der Hebel des Ausländerrechts waren die strategischen Instrumente zur Lenkung des Arbeitskräftebedarfs in den 60iger und 70iger Jahren in Deutschland mithilfe 
ausländischer Arbeitskräfte.„Wir holten Arbeitskräfte,und es kamen Menschen“,so drückte es mal Max Frisch aus. Eigentlich eine triviale Feststellung, die aber das herrschende Menschenbild über die Menschen aus anderen Ländern kritisch reflektiert. 

Meinen Eltern brauchte ich diese Metapher nicht unter die Nase halten, denn sie fühlten es selbst,dass sie nicht als Willkommene angesehen wurden. Und dann auch noch ich, dieser Klugscheißer von angehendem Akademiker. Ich wusste natürlich Bescheid: Kapitalismus, Ausbeutung, Entfremdung, Rassismus, Diskriminierung, Anarchismus, Ausländerfeindlichkeit. Damit hätten wir das Erklärungsrepertoire für das Elend und die Lösung der Gastarbeiterproblematik. Wie habe ich sie an fast jedem Wochenende, wenn ich von Kassel zu meinen Eltern fuhr, mit dieser Revolutions-Phraseologie traktiert – und gedemütigt. 
Hätte ich doch…Habe ich aber nicht. Jetzt bin ich was? 
Studienrat (Professor im Spanischen), darauf sind meine Eltern stolz.Und ich auf sie.Aber dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen habe, das haben sie wohlwollend als selektive Anpassung gedeutet. 

Und das ist gut so!